München. Die eigenwillige Atmosphäre erinnert an einen Betriebsausflug. Doch so locker, hemdsärmelig und nahbar sich die Topmanager hier geben, so ernst und konzentriert sind sie bei der Sache: „Abnahmefahrt“ heißt das Procedere, bei dem gestandene Manager zappelig werden wie Schuljungen am Tag der Prüfung. „Kurz bevor endgültig die Produktion beginnt, vergewissern wir uns dabei, dass die Autos auch so produziert werden, wie wir sie mal entwickelt haben“, sagt Hackenberg und setzt sich hinters Steuer.
Hier fährt der Chef noch selbst
Wie ein Bataillon der Fugenfühler streichen er und seine Kollegen über Karosserienähte und die Spalten zwischen den Kunststoffteilen im Innenraum. Sie lauschen genau, ob Dichtungen quietschen oder der Wind mehr als nötig pfeift, fingern an den Sonnenblenden, benutzen jeden Schalter und fühlen tief in den Sitz hinein, ob er auch wirklich nirgends drückt und zwickt. Solche Fahrten sind vor allem bei den deutschen Herstellern gang und gäbe, und dafür reisen nicht nur die Entwicklungsvorstände um die Welt. Allein im VW-Konzern gibt es mindestens zweimal im Jahr eine große „Vorstandsfahrt“, bei der Konzernchef Martin Winterkorn und seine Markenvorstände zur „Heißlanderprobung“ in eine afrikanische oder amerikanische Wüste oder zum Wintertest an den Polarkreis fliegen. Bei BMW oder Mercedes sieht es nicht anders auf. Dieses Ritual der Abnahmefahrt ist ein wichtiges Element nicht nur der Fahrzeugentwicklung, sondern der ganzen Unternehmenskultur, sagt Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach: „Einerseits können einzelne Details tatsächlich durch Chefs mit hohem technischen Sachverstand noch verbessert werden“, ist der Automobilwirtschaftler überzeugt. Viel wichtiger sei aber die symbolische Bedeutung: „In den Abnahmefahrten der obersten Führungsebene drückt sich eine hohe Wertschätzung für das Produkt aus, die wiederum eine Strahlkraft auf die gesamte Entwicklungsabteilung ausübt und höchst motivierend wirken kann.“ Dass es für die Herren Winterkorn, Zetsche & Co. Wichtigeres zu tun geben könnte, als mit Prototypen im Konvoi durch die Wüste oder über Eisseen zu fahren, lassen die Experten nicht gelten: „Der Stratege steht mitten im Leben, nur am Schreibtisch sitzen ist gefährlich“, sagt Franz-Rudolf Esch von der European Business School (EBS) in Wiesbaden. „Neue Autos zu testen ist eine Investition in die Langzeitqualität und in die erfolgreiche Umsetzung der Mehrmarkenstrategien. Es ist Arbeit an der Basis.“ Allerdings haben die Abnahmefahrten mittlerweile auch eine Außenwirkung: „Freilich will diese Liebe zum Automobil auch medial inszeniert sein“, räumt Experte Bratzel ein. „Denn so tragen Vorstandsfahrten auch zur Markenbildung bei.“ Trotzdem glaubt der Automobilprofessor nicht an arglistige Täuschung: „Wo alles nur gespielt wird, bleibt es am Ende auch dem Kunden nicht verborgen, der dann früher oder später mit den Füßen abstimmt.“