Frankfurt/Main. Gut möglich, dass sie als Wendepunkt in die Geschichte der deutschen Fahrzeugindustrie eingeht, die 62. Internationale Automobil-Ausstellung (IAA), die an diesem Donnerstag offiziell von Bundeskanzlerin Angela Merkel eröffnet wird. Denn erstmals stehen Autos mit genügsamen und schadstoffarmen Motoren, mit alternativen Antriebssystemen und intelligenter Spritspartechnik nicht irgendwo als lästige Pflichtübung am Rande des Spektakels - sondern ihnen gehört die Show.
In Frankfurt ist alles im grünen Bereich
etwa präsentiert unter dem Motto "Road to the Future" eine ganze Flotte von umweltfreundlichen Modellen, die bis 2010 auf den Markt kommen sollen. Darunter sieben Hybrid-Fahrzeuge, acht BlueTec-Dieselautos sowie das Forschungsfahrzeug F 700 mit einem DiesOtto-Motor. Die 1,8-Liter-Vierzylindermaschine, die nach Angaben von Mercedes-Entwickler Herbert Müller die "Vorteile von Benzin- und Dieselmotor vereint", soll 238 PS leisten, ein Drehmoment von 400 Newtonmeter bereitstellen und mit weniger als sechs Liter Kraftstoff auskommen. Wohlgemerkt, der F 700 ist weder Kleinwagen noch bizarres Unikum, sondern ein ausgewachsener Luxuswagen im Format der aktuellen S-Klasse.
Schon dieses Beispiel zeigt, dass vor allem die deutschen Autobauer die IAA nutzen werden, um sich als ökologisch-technologische Spitzenreiter zu präsentieren. Eine Rolle, die sie vor noch nicht allzu langer Zeit bereitwillig Herstellern aus anderen Ländern überlassen hatten. Doch spätestens seit den jüngsten Klimaberichten der Vereinten Nationen und einer zunächst polemisch geführten Diskussion über den Kohlendioxid-Ausstoß von Pkw wurde auch dem letzten Hardliner in den Vorstandsetagen klar: Es kann nicht einfach so weitergehen wie bisher.
Die Folgen dieses Umdenkens sind jetzt erstmals in den Frankfurter Messehallen zu sehen. "Diese IAA unterstreicht unseren Anspruch, dass wir uns aus bisherigen eingefahrenen Gleisen herausbewegen, alte ideologische Gräben zuschütten und uns dem offenen Dialog mit anderen gesellschaftlichen Gruppen stellen", sagt der neue VDA-Präsident Matthias Wissmann, für den die Messe zum ersten großen Prüfstein im Amt an der Spitze des Verbands wird. Wie er sich einen "offenen Dialog" vorstellt, demonstriert seine Ankündigung, die Grünen-Politiker Renate Künast und Fritz Kuhn auf einem IAA-Rundgang zu begleiten. Seine Bemühungen werden anerkannt: Die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen ist erstmals mit einem eigenen Stand auf der Automesse vertreten - im Obergeschoss der Halle 4.
Ein Rundgang zu den umweltfreundlichen Innovationen wird auf dieser IAA zum Marathon. Neben der eingangs schon erwähnten Öko-Offensive von Mercedes bieten auch die anderen deutschen Premiumhersteller grüne Novitäten.
* Audi stellt dem neuen A4 gleich auch ein Sparmodell mit dem Buchstabenkürzel "e" für effizient zur Seite. Zudem kündigen die Ingolstädter für das kommende Jahr einen A4 mit TDI-Motor und Harnstoff-Einspritzung an, den sie schon jetzt als "saubersten Diesel der Welt" feiern.
* BMW bestückt nach und nach alle Baureihen mit Elementen aus dem Öko-Baukasten "Efficient Dynamics", der zum Beispiel Start-Stopp-Automatik, Bremsenergierückgewinnung sowie aerodynamische Komponenten enthält.
* Porsche zeigt den Prototypen des Geländewagens Cayenne mit Hybrid-Antrieb, der zwar erst "bis zum Ende des Jahrzehnts" auf die Straße kommen soll, doch ist das immerhin ein Anfang. 8,9 Liter Benzin je 100 Kilometer, so die Aussage aus Zuffenhausen, soll der Hybrid-Cayenne verbrauchen - angesichts der 12,9 Liter, die das derzeit sparsamste Porsche-SUV schluckt, durchaus ein Fortschritt.
* VW hat den schon längst hinter sich, denn die Wolfsburger starteten mit der BlueMotion-Technologie bereits, als die Klimakatastrophe noch nicht bis in die Schlagzeilen vorgedrungen war. Zur IAA jedenfalls folgt - nach dem Vorbild von Polo und Passat - nun ein sparsames und schadstoffarmes BlueMotion-Modell mit länger übersetztem Getriebe, Leichtlaufreifen und anderen Modifikationen in der Golf-Baureihe. Fünf weitere BlueMotion-Typen, so verlautet aus Wolfsburg, sollen in nächster Zeit noch folgen. Der Golf BlueMotion wird nach Werksangaben mit 4,5 Liter Diesel im Durchschnitt auskommen, was einem CO2-Ausstoß von 119 Gramm je Kilometer entspricht.
* Opel übernimmt die Idee, dass in jeder Volumenbaureihe ein besonders sparsames Modell angeboten wird, und will diese Fahrzeuge mit dem Label EcoFlex kennzeichnen. Den Anfang macht auf der IAA der Corsa 1.3 CDTI EcoFlex mit Rußpartikelfilter, der ab Dezember bestellbar sein wird. Die Rüsselsheimer attestieren diesem Modell einen Durchschnittsverbrauch von 4,5 Litern Diesel pro 100 Kilometer, was einem Ausstoß von 119 Gramm CO2 je Kilometer entspricht. Parallel zum Corsa wird es auch - mit identischer Motorisierung - EcoFlex-Varianten von Meriva und Astra geben. Für IAA-Besucher gut erkennbar sind die sauberen Modelle an der neuen Lackfarbe "Green Spirit". Darüber hinaus zeigt Opel ein Corsa-Konzeptauto mit Diesel-Hybrid-Antrieb, dessen Durchschnittsverbrauch bei 3,75 Liter liegen soll (CO2-Emission 99 g/km), der aber erst in einigen Jahren serienreif sein soll.
* Ford reiht sich natürlich auch ein in den Öko-Konvoi der anderen Hersteller. Die Kölner verfahren dabei ebenfalls nach dem Vorbild VW und bezeichnen fortan die schadstoffärmste Variante jeder Baureihe mit dem Namenszusatz Econetic. In Frankfurt machen der Focus Econetic (CO2-Ausstoß 115 g/km) sowie der Mondeo Econetic (CO2-Ausstoß unter 140 g/km) den Anfang.
* Volvo ist auch dabei im sparsamen Reigen und zeigt den neuen Kompaktwagen C30 Efficiency mit einem 1,6-Liter-Vierzylinder-Dieselmotor, der 4,5 Liter verbraucht (119 Gramm CO2 je Kilometer) und im nächsten Jahr bei den Händlern stehen soll. Bis dahin wird auch ein Lastschaltgetriebe fertig sein, das im Prinzip wie das DSG von VW funktioniert und den Verbrauch um acht Prozent senken soll.
Schon diese Beispiele zeigen, wie übergreifend der Umweltschutz-Gedanke die 62. IAA beherrscht. Allein die vielen neuen Namen für die sparsamen Modelle deuten darauf hin, wie wichtig die Hersteller das Thema inzwischen nehmen: Peugeot nennt seine grünen Modelle éco, Renault ECO2, Subaru ecomatic und Skoda startet die neue Greenline.
* Lexus kontert die Bemühungen der europäischen und insbesondere der deutschen Hersteller mit der Weltpremiere der überarbeiteten GS-Baureihe, in der natürlich auch wieder die Hybrid-Limousine GS 450h antritt.
Ob die Anstrengungen, den CO2-Ausstoß zu senken, tatsächlich auch von den Kunden honoriert werden, ist umstritten. Die Beratungsfirma KPMG ließ kürzlich verlauten, in Deutschland gäben inzwischen neun von zehn Autofahrern an, niedrige CO2-Emissionen seien ihnen beim Autokauf am wichtigsten. Dies sieht Wolfgang Bernhart, Partner im Kompetenzzentrum Automotive bei Roland Berger, skeptisch: "Das Problem ist, dass Kunden nicht bereit sind, für nachhaltige Produkte auch mehr zu bezahlen. Was zu einem guten Teil auch daran liegt, dass in der Marketingkommunikation und Markenpositionierung der Trend zu nachhaltigerem Verhalten bislang kaum angesprochen wird." Dies könnte sich mit den grünen Wochen der diesjährigen IAA in Frankfurt ändern.