„Ich finde Europa eigentlich ganz attraktiv.“ Wenn das der Chef einer Automobilmarke sagt, die acht von zehn Autos in Europa verkauft und auch noch im Krisenland Spanien beheimatet ist, dann darf man schon staunen. Doch genau so hat es Seat-Chef Jürgen Stackmann im Interview mit der Automobilwoche formuliert. Auch Opel-Chef Karl-Thomas Neumann hat beim Automobilwoche Kongress in Berlin keinen Zweifel daran gelassen, wo die Zukunft der deutschen Traditionsmarke liegt – nicht in China. Dazu passt, dass ebenfalls in Berlin der China-Analyst Jochen Siebert deutliche Warnzeichen präsentierte, wonach der Boom im Reich der Mitte nicht ewig anhalten wird – im Gegenteil: In China drohe eine Immobilien- und Spekulationsblase von iberischen Ausmaßen. Auch wenn es nicht so schlimm kommen muss, müssen sich doch einige Autohersteller anders aufstellen.
In China oder den USA Gewinne einzufahren, mit denen das defizitäre oder margenschwache Europa-Geschäft subventioniert wird, kann kein zukunftsträchtiges Geschäftsmodell sein. Autohersteller sollten sich den Herausforderungen in Europa stellen. Denn sie sind lösbar, selbst im Volumensegment: Seat ist es gelungen, trotz der Krise auf dem Heimatmarkt den Absatz in Westeuropa in den ersten zehn Monaten um zehn Prozent zu steigern. Opel hat zumindest die Erosion des Marktanteils gestoppt und im Oktober sogar 5,4 Prozent mehr Autos verkauft als im Vorjahresmonat. Wenn Neumann und Stackmann auf den europäischen Markt setzen, sind das also keine Lippenbekenntnisse. Die Strategie ist auch der Erkenntnis geschuldet, dass der Zug in Märkten wie China abgefahren ist und eine Eroberung neuer Märkte Zeit und Geld kostet. Beides haben aber Marken wie Opel und Seat nicht, die nach Jahren der Krise mit neuen Modellen, effizienterer Produktion und einem modernen Vertrieb jetzt Erfolge brauchen. Die Automobilindustrie muss auch der nationalen und europäischen Politik gegenüber ihre Position ändern: Offenbar erwarten Berlin und Brüssel, dass deutsche Autohersteller ihre Milliardengewinne aus den USA und China in Europa in die Entwicklung sparsamer Autos investieren, um überzogene Klimaschutzziele zu erreichen. So attraktiv ist Europa nun auch wieder nicht.