Hamburg. Guter Rat muss nicht teuer sein. Wer wissen will, wie man ein Unternehmen voran bringt sowie Abläufe und Produkte stetig verbessert, sollte diejenigen fragen, die am nächsten dran sind – die Mitarbeiter. Denn in den Köpfen der Beschäftigten entstehen eine Vielzahl an Ideen, die nicht nur für das Unternehmen, sondern auch für die Mitarbeiter selbst in vielerlei Hinsicht gewinnbringend sein können.
Das Prinzip ist so einfach wie genial. Hat ein Mitarbeiter einen guten Einfall, wie sich etwas verbessern lässt und was dem Arbeitgeber hilft, Kosten zu sparen, wird er dafür mit einer Prämie belohnt. Bei Volkswagen beispielsweise gehört diese Praxis zum Arbeitsalltag. 2013 kamen aus der deutschen VW-Belegschaft von rund 110.000 Mitarbeitern fast 63.000 Verbesserungsvorschläge. Das Unternehmen konnte durch diese Optimierungen fast 126 Millionen Euro einsparen - und schüttete mehr als 21 Millionen Euro an Prämien dafür aus. "Im Vergleich zum Vorjahr haben die Mitarbeiter 3,5 Prozent mehr Verbesserungsideen erarbeitet", sagt Pirka Falkenberg, die seit vier Jahren das Ideenmanagement bei VW leitet. Falkenberg und ihre zwanzig Mitarbeiter kümmern sich darum, dass gute Ideen von Mitarbeitern auch tatsächlich Gehör finden. „Es genügt nicht, eine Idee einfach nur in den Raum zu stellen. Dann kann sie schnell untergehen. Deshalb kümmern wir uns um die Vorschläge und helfen zu klären, welchen Nutzen er den Beschäftigten, Volkswagen und unseren Kunden bringt; wie er beispielsweise Arbeitsabläufe oder Ergonomie verbessert oder uns bei Produktqualität und Produktivität weiter voran bringt“, sagt sie. Um das Vorgehen möglichst effizient zu gestalten, wenden sich die VW-Mitarbeiter mit einem Verbesserungsvorschlag zunächst stets an ihren direkten Vorgesetzten. Hält er die Idee für gut, kann er sie direkt in seiner Abteilung umsetzen. Wenn der Verantwortliche weitere Verbesserungsmöglichkeiten sieht oder Hilfe bei der Umsetzung benötigt, wendet er sich an die Mitarbeiter des Ideenmanagements. „Wir helfen dann dabei, , die Idee weiter voranzutreiben und zu verbessern. Schließlich berechnen wir, welche positiven Effekte der Vorschlag insgesamt hat“, erklärt Falkenberg. Die Prämie für eine Idee korreliert übrigens mit dem Einsparpotential, und zudem mit der Bewertung durch die Mitarbeiter selbst. Damit der Ideengeber sehen kann, was aus seinem Einfall entsteht, kann er den gesamten Prozess der Implementierung mitverfolgen. Zwölfmal im Jahr kürt VW die Idee des Monats und veröffentlicht sie mit dem Namen des oder der Paten im Intranet. Falkenberg: „Wenn sich die Beschäftigten so einbringen können, entsteht ein Klima, in dem Ideen gedeihen. Alles sind dann motiviert, neue Ideen zu entwickeln und voranzutreiben.“ Dieser Effekt sei mindestens ebenso wichtig und wertvoll für das Unternehmen wie Qualitätsverbesserungen oder Einsparungsmöglichkeiten.Diese Ideen sind Millionen wert
Die Bandbreite der Ideen reicht dabei von kleinen Verbesserungsvorschlägen wie der Optimierung eines Laufwerks oder ergonomischer Details, weiter über die Belüftungsoptimierung in der Lackiererei, bis hin zu komplexen Verbesserungen von Prozessen und Fertigungsfolgen. Und keineswegs müssen die Vorschläge immer etwas mit dem Automobil zu tun haben. „Im Juni vergangenen Jahres haben fünf kaufmännische Angestellte aus dem Finanzressort vorgeschlagen, Mitarbeitern und Freunden von Volkswagen historische Volkswagen-Aktien zum Kauf anzubieten. Andernfalls wären sie im Reißwolf gelandet.“ Der Erlös von 50.000 Euro wurde an das Hilfswerk "terre des hommes" gespendet. „Diese besondere Idee war uns die Auszeichnung ‚Idee des Monats wert‘“, sagt Falkenberg.
Das Prinzip des Ideenmanagements ist nicht neu: Bereits 1877 fragte Alfred Krupp seine Mitarbeiter nach Verbesserungsvorschlägen. Allerdings nannte man das damals noch betriebliches Vorschlagswesen. „Seit den 1980er Jahren ist das Ideenmanagement gerade in der Automobilbranche von wachsender Bedeutung“, sagt Christoph Gutknecht, Leiter des Ideen- und Innovationsmanagements am Deutschen Institut für Betriebswirtschaft (DIB) in Frankfurt am Main. Seither wurde aus dem betrieblichen Vorschlagswesen im Zuge von Kostenreduzierung und Lean Management das Ideenmanagement.
Eine gute Idee ist noch immer das, was sie schon immer war; nur dass die Konzerne stetig neue Methoden des Ideenmanagements entwickeln. Bei BMW beispielsweise lief das seit zwölf Jahren laufende Ideenmanagementsystem „iMotion“ im vergangenen Jahr aus. Es bescherte dem bayerischen Autobauer in dieser Zeit Einsparungen von rund zwei Milliarden Euro. Für 260.000 eingereichte Ideen wurden etwa 62 Millionen Euro an Prämien ausgezahlt. Das in der Folge eingeführte System „CRE8“ läuft seit Anfang 2013. „Das neue System funktioniert über eine IT-Plattform, die den Prozess für den Ideengeber transparenter machen soll“, sagt BMW-Sprecher Jochen Frey. Die Mitarbeiter können ihren Vorschlag selbst ins System eingeben und dann verfolgen, in welchem Stadium der Entwicklung sie sich gerade befindet. „Als Prämie können BMW-Mitarbeiter entweder eine Sofortzahlung auswählen oder Punkte auf einem Konto ansparen, die später auf die Altersvorsorge umgeschlagen werden“, sagt Frey.Der Zulieferer Brose aus dem oberfränkischen Coburg wurde im vergangenen Jahr vom DIB in der Kategorie „Mittelständische Unternehmen“ mit dem Deutschen Ideenpreis ausgezeichnet. Bei dem Spezialisten für Sitz-, Tür- und Schließsysteme gingen 2013 mehr als 25.700 Verbesserungsvorschläge von Mitarbeitern ein, durch deren Umsetzung das Unternehmen 10 Millionen Euro einsparen konnte. Zudem werden die Mitarbeiter nicht nur angeregt Verbesserungsvorschläge zu machen, sondern können sogar eigene Erfindungen bei der internen Patentabteilung einreichen. Die Vorschläge kommen aus aller Welt, etwa aus der Brose-Niederlassungen in China, Mexiko oder Brasilien.Zuliefer-Riese Bosch setzt sowohl auf das klassische betriebliche Vorschlagswesen, als auch auf das Ideenmanagement, bei dem die Mitarbeiter von den Führungskräften beauftragt werden, Ideen zu generieren. Die zentrale Koordinierungsstelle von Bosch meldete im Jahr 2012 rund 4800 Patente an, die aus den Ideen der Mitarbeiter hervorgingen. Zudem verleiht Bosch einmal jährlich intern den Cleverle-Award, der den besten Einfall des Jahres prämiert.Laut einer Studie des DIB setzen stetig mehr Unternehmen auf das Ideenmanagement und immer mehr Mitarbeiter beteiligen sich daran. Allein in der Automobil-Zuliefererbranche in Deutschland kamen zuletzt auf 100 Mitarbeiter durchschnittlich 214 Verbesserungsvorschläge, Tendenz steigend. Das Potenzial, das in dieser Art von Mitarbeiterbeteiligung liegt, kann von der Unternehmensleitung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. „Das Ideenmanagement funktioniert nur, wenn die Geschäftsführung voll und ganz dahinter steht,“ sagt DIB-Mann Gutknecht.
VW-Ideenmanagerin Pirka Falkenberg hat das längst verinnerlicht. Die Frage, auf welche bahnbrechende Idee sie noch warte, beantwortet sie salomonisch: „Immer auf die nächste.“