München. Aller Anfang ist schwer. "Die Computer-Maus wurde 1963 erfunden und lag 20 Jahre auf Eis", rechtfertigt ein Mercedes-Produktmanager den schwachen Anlauf der R-Klasse. Deshalb sei die Marke mit den mehr als 21.000 Einheiten des Sportstourers "zufrieden", die weltweit seit dem US-Marktstart im Oktober 2005 einen Käufer gefunden haben. Um den Absatz weiter anzukurbeln, ergänzt die Marke das R-Klasse-Angebot ab Oktober um ein Top-Modell (R63 AMG, 510 PS, ab 97.000 Euro) und um eine Basis-Variante (R280 CDI, 190 PS, ab 49.100 Euro). Noch mehr Rückenwind für ihr "Reise-SUV" (Eigenwerbung) sollten die Stuttgarter aber bald von der Konkurrenz bekommen, die mit ihren R-Klasse-Rivalen mehr Aufmerksamkeit für das neue Segment schafft.
Die Sportstourer-Welle kommt ins Rollen
"Wir erwarten, dass sich in diesem Jahr in Deutschland über 27.000 Sportstourer verkaufen lassen, 2010 werden es 94.700 Neuzulassungen sein", prognostiziert B&D Forecast-Geschäftsführer Ferdinand Dudenhöffer in einer von Automobilwoche in Auftrag gegebenen Studie. Der Marktanteil stiege damit von 0,6 (2005) auf 2,7 Prozent.
Dudenhöffer grenzt das Segment dabei nicht so scharf ab wie Mercedes. Der Marktforscher definiert einen Sportstourer als den "Mix von Grossraumlimousine (MPV), Luxus-Kombi und SUV". Während Mercedes den Anspruch erhebt, mit der R-Klasse einen "neuen automobilen Trend" geschaffen zu haben, zählt B&D Forecast auch bestehende Modelle wie Audi Q7, Cadillac SRX, Nissan Murano und Ford S-Max zur selben Nische.
An einem Einstieg in dieses Segment arbeiten etliche Konzerne, wie Konzeptfahrzeuge von Alfa Romeo, Maserati, Hyundai und Kia belegen. "Bei Lamborghini", so Dudenhöffer, "gibt es ebenfalls Pläne für ein extrem sportliches SUV, das ins Sportstourer-Segment zielt. Auch der Nachfolger des schwächelnden Porsche Cayenne scheint als flacheres Fahrzeug in diese Richtung zu passen." Offiziell angekündigt hat BMW die Pläne für ein "raumfunktionales Konzept", das den Namen V5 tragen könnte. Dudenhöffer erwartet daneben -- ebenso wie schon bei den Modellen X5 und X3 -- "ab 2010 auch einen kleinen V3". Toyota wird ebenfalls zwei Vertreter präsentieren. "Wir hören, dass die Japaner neben dem FT ein nahezu baugleiches Modell unter dem Lexus-Label anbieten werden", sagt der Experte. Renault bringt seinen "Grand Tourer" 2008, VW soll 2009 mit dem "Station" so weit sein -- ebenso wie Rivale Opel, der sein Crossover "Montana" taufen könnte.
Grosse Absatzzuwächse dürfen sich die Hersteller laut Dudenhöffer allerdings nicht erhoffen. "Die Sportstourer kannibalisieren sich zu rund 70 Prozent mit grossen MPVs und SUVs. Sie vergrössern also kaum den Kuchen, wohl aber die Komplexität." Der Branchenkenner sieht das Risiko, dass Autohersteller "mit unflexiblen Werken in noch grössere Überkapazitäten und Engpässe hineinlaufen".
Zumindest Mercedes ist dagegen gewappnet: Die R-Klasse teilt sich 60 Prozent ihrer Komponenten mit der ML-Klasse -- und läuft ebenso wie die ML- und GL-Klasse im US-Werk Tuscaloosa vom Band.