München. Bernd Pischetsrieders Ausblick auf das kommende Automobiljahr fiel verhalten aus: "Wir erwarten 2007 nicht annähernd den Absatzzuwachs, den wir dieses Jahr haben", ließ der VW-Konzernchef Analysten jüngst wissen. Eine wichtiger Grund für seine gedämpfte Stimmung: die Erhöhung der Mehrwertsteuer von 16 auf 19 Prozent, die Anfang kommenden Jahres in Kraft tritt. Denn wie die meisten Topmanager der Branche rechnet Pischetsrieder für die letzten Wochen des laufenden Jahres mit etlichen Tausend vorgezogenen Autokäufen. Diese Nachfrage dürfte im ersten Quartal 2007 fehlen, fürchten viele Marktspezialisten, und rüsten schon jetzt "für die größte Preisschlacht aller Zeiten", so ein Branchen-Insider.
Der Steuer-Knüppel
Um Volkswagen rechtzeitig für die Absatzdelle zu rüsten, lässt Pischetsrieder seine Vertriebs- und Marketingteams rotieren. Im Rahmen der aufwendigen "Telefonaktion unter 400.000 Interessenten" etwa sucht VW qualifizierten Kontakte für mehr Umsatz (Automobilwoche 19/2006). "Weitere Maßnahmen im Hinblick auf die höhere Mehrwertsteuer", kündigt ein Insider an, "können wir je nach Bedarf zügig umsetzen."
Bereits jetzt belauern sich die Automobilhersteller überaus argwöhnisch: Wer erhöht vorzeitig die Preise? Wie viele Prozentpunkte gibt die Konkurrenz weiter? Auf die Frage nach der voraussichtlichen Absatzentwicklung zum Ende 2006 und im nächsten Jahr antwortet Opel-Chef Hans Demant: "Das hängt auch ganz stark davon ab, wie die gesamte Industrie auf die Steuererhöhung reagiert."
In einschlägigen Prognosen äußern sich neutrale Marktbeobachter durchweg skeptisch. Eine drastische Zunahme der Rabatt-Offerten im Automobilgeschäft erwartet Bernhard Ebel, Pricing-Spezialist der Bonner Unternehmensberatung Simon, Kucher & Partners: "Die meisten Pkw-Produzenten sind eben vom Blick auf Stückzahlen getrieben".
Ferdinand Dudenhöffer, auf Autowirtschaft spezialisierter Professor an der Fachhochschule Gelsenkirchen, schließt nicht aus, "dass einige Marken ihre Modelle lediglich zu Deckungsbeiträgen anbieten werden" - und die Mehrwertsteuererhöhung nicht weitergeben.
In einer Analyse für Automobilwoche hält Dudenhöffer, Geschäftsführer von B&D Forecast, gar "Herstellerrabatte bis zu 30 Prozent" für denkbar. Und das Nürnberger Marktforschungsinstitut Puls sagt voraus: "Eine weitere Konsequenz der Steuererhöhung ist, dass weniger Geld für den geplanten Autokauf ausgegeben wird als ursprünglich geplant."
Um verunsicherten Kunden "eine entsprechende Vergleichsmöglichkeit" zu geben, weist BMW in aktuellen Verkaufslisten bereits beide Preise aus - mit 16 und mit 19 Prozent Mehrwertsteuer. "Da rund zwei Drittel unserer Kunden aus dem gewerblichen Bereich kommen", sagt Ludwig Willisch, der bei BMW die Region Deutschland leitet, "werden sich die Auswirkungen bei uns in Grenzen halten."
Bei Porsche, wo zwischen Bestellung eines Neuwagens und dessen Auslieferung meist mehrere Monate vergehen, wird man durch die Erhöhung der Mehrwertsteuer vor eine delikate Frage gestellt: Wie werden Käufer behandelt, die wegen der Wartezeit über den Jahreswechsel hinaus bei einem 911 Carrera für 100.000 Euro plötzlich immerhin 3000 Euro mehr zahlen sollen als zum Zeitpunkt der Bestellung geplant? "Dazu gibt es keine Vorstandsdirektive", räumt Porsche-Vorstand Wolfgang Dürheimer ein. "Eine mögliche Kulanzregelung liegt allein im Ermessen des Handelsbetriebs."
Über derlei Preisgleitklauseln muss sich bei Autozulieferer Michelin niemand den Kopf zerbrechen: "Bei einem Satz neuer Reifen für 500 Euro macht die um drei Punkte höhere Mehrwertsteuer ja gerade mal 15 Euro aus", sagt Jean-Jacques Sager vom Ressort Market Research. Da aber auch Michelin mit "bis zu 80.000 vorgezogenen Käufen von Neuwagen" (Sager) kalkuliert, von denen zur kalten Jahreszeit mehr als zwei Drittel auf Winterreifen umgerüstet werden, rät der französische Reifenproduzent den Händlern, ihre Lagerbestände aufzustocken.
Der drohende Preiskampf nach der Erhöhung der Mehrwertsteuer stimmt Helmut Blümer, Sprecher des Zentralverbands Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK), eher düster: "Wer jetzt viel Auto für sein Geld bekommt, erhält beim Verkauf weniger Geld fürs Auto." Blümer fürchtet daher: "Letztlich zahlen wir alle drauf."