Lindau. Der Umsatz der Zulieferer mit Advanced-Driver-Assistance- Systemen (ADAS) wird sich nach Einschätzung von Continental in den nächsten Jahren vervielfachen. Unter dem Begriff ADAS werden kamera-, radar- und infrarotbasierte Systeme zusammengefasst, die Unfälle vermeiden oder deren Schwere mildern sollen. Auf Basis der Autohersteller- Einkaufspreise rechnet Friedrich Angerbauer für 2017 weltweit mit einem Volumen von drei bis vier Milliarden Euro. Bis 2020 könnte es sich von heute einer Milliarde auf dann bis zu zehn Milliarden Euro sogar verzehnfachen. Angerbauer leitet bei Conti seit April den Geschäftsbereich Fahrerassistenzsysteme. Welchen Marktanteil daran sein Unternehmen heute hat und künftig anstrebt, war nicht zu erfahren.
Der Griff nach den Sternen
Für den Boom bei den Assistenzsystemen sehen Experten mehrere Treiber, allen voran das künftige Bewertungsschema beim Euro-NCAP-Test. In diesen geht der für den Stadtverkehr ausgelegte Notbremsassistent ab 2014 in der Kategorie Insassenschutz mit drei von 38 möglichen Punkten ein. Ab 2016 werden in der Kategorie Fußgängerschutz sogar sechs von 42 Punkten für das auch „Automatic Emergency Braking“ (AEB) genannte System vergeben. Fünf Sterne sind dann ohne die serienmäßig installierte Notbremse nur noch theoretisch erreichbar. Auch die Versicherungen werden nach Einschätzung von Matthew Avery die Verbreitung der Fahrerassistenzsysteme fördern. Er leitet bei Thatcham Research, dem englischen Pendant der GDV-Unfallforschung, den Bereich Research. Schon heute gewähren die Versicherer in Großbritannien einen Rabatt auf die Kaskoprämie von durchschnittlich zehn bis 15 Prozent, wenn das Auto über AEB verfügt. In Deutschland würden erste Unternehmen einen solchen Bonus „für 2013 erwägen“, so Avery.
Zum Dritten sehen die ADAS-Spezialisten von Continental auch in der Weiterentwicklung der Technologie zur Umfelderkennung einen Faktor, der diesen Markt beflügeln wird: Die Systeme werden bei gleicher Hardware immer besser. So arbeiten die Ingenieure in Lindau derzeit an dem Sensormodul SRL-CAM400, das eine Monokamera und einen Infrarotsensor samt Auswerteeinheit in einem Gehäuse integriert. Bis zu einer Geschwindigkeit von 72 km/h kann dann die Notbremse eine drohende Kollision abwenden. Das Modul, dessen Serienstart für 2015 geplant ist, soll so skalierbar sein, dass die Basisversion selbst für den Einsatz in Kleinwagen infrage kommt. Mit dem Einzug in die volumenträchtigen Segmente entstehen wiederum Skaleneffekte, die die Stückkosten weiter drücken werden. Deshalb dürften gegen Ende der Dekade auch bei den klassischen Zweitwagen die kamera- und infrarotbasierten Fahrerassistenzsysteme zum Serienumfang gehören. Am anderen Ende der Skala liefert Continental ab Anfang 2013 in der S-Klasse die europaweit erste Stereokamera aus. Sie erkennt Fußgänger und beliebige Objekte zuverlässig auch ohne Datenfusion mit weiteren Sensoren.