Im Sinne der Sicherheit für Autofahrer sind automatische Notrufsysteme in Fahrzeugen grundsätzlich zu begrüßen. Insofern hat der freie Markt mit der Grundfunktion der Sicherheit beim Autofahren überhaupt kein Problem. Problematisch wird es erst, wenn das Ganze nicht über einen neutralen Provider gemacht wird, sondern wenn der Notruf in einer Herstellernotrufzentrale landet. Das wäre mit Blick auf den freien Wettbewerb und die Wahlfreiheit des Autofahrers nicht nachvollziehbar. Es wäre so, als ob der Fahrzeughersteller vorschreiben darf, wo ich mein Auto reparieren und warten lassen darf.
"Der Autofahrer entscheidet selbst, wo sein Fahrzeug repariert wird"
Es müsste auf einer neutralen Providerlösung basieren. Noch ist nicht bekannt, wie es mit der Wartung oder Nachrüstung solcher Systeme aussieht. Das wäre auf jeden Fall ein interessanter Markt, an dem wir gerne partizipieren würden. Dies würde aber voraussetzen, dass es einen technischen Standard gibt. Es wäre nicht besonders sinnvoll, wenn jeder Fahrzeughersteller hier seinen eigenen technischen Standard definieren würde. Denn es geht hier um einen Sicherheitsvorteil für den Autofahrer. Und den sollten die Autohersteller nicht dazu nutzen, um sich untereinander zu differenzieren. Denn das treibt auf dem freien Markt die Kosten unnötig nach oben, weil er sich auf viele verschiedene Systeme einstellen muss.
Wenn ein Fahrzeug mit einem herstellerbezogenen System auf den Markt kommt, das nicht nur in der Lage ist, den von der EU gewollten Zweck zu erfüllen, nämlich einen Notruf abzusetzen, sondern darüber hinaus einen selektiven Kreis von Empfängern mit fahrzeugbezogenen Nachrichten auszustatten, verliert der Autofahrer seine Autonomität, etwa bei der Werkstattwahl. Dann ist die Gefahr sehr groß, dass der Umsatz zu 100 Prozent in den entsprechenden Kanal, in diesem Fall zum Fahrzeughersteller, fließt.
Wenn der Autofahrer durch ein solches System in seiner Souveränität beschnitten wird, dann ist es auch die Aufgabe des freien Marktes, ihn daran zu erinnern, dass es freien Wettbewerb gibt und er selbst entscheidet, wo sein Fahrzeug repariert wird. Daher ist es aus unserer Sicht ausgeschlossen, dass es Systeme gibt, die fest mit einem bestimmten Kreis von Werkstätten kommunizieren.
Der Autohersteller ist natürlich vollkommen frei, was er in seine Fahrzeuge einbaut. Wenn er will, dass das Fahrzeug mit wem auch immer über Serviceereignisse kommuniziert, können wir ihm da natürlich keine Vorschriften machen. Allerdings muss der Hersteller gesetzlich gezwungen werden – Stichwort GVO und freier Wettbewerb –, dass alle dann auch einen Zugang zu diesen Informationen haben. Wenn beispielsweise bei einer Diagnose der Fahrzeughersteller seine Daten nicht rausrückt, dann ist das gesetzeswidrig. Analog gilt beim eCall: Wenn diese Daten nicht von jemand anderem abgeholt werden können, damit der Autofahrer frei wählen kann, dann wäre es nicht in Ordnung.
Genau. Bei den technischen Informationen ist das ein ständiges Wettrennen, das beim Thema eCall nach Möglichkeit von vorneherein unterbunden werden sollte, weil es alle Beteiligten nur Zeit und Nerven kostet. Da muss es klare Regeln geben, die meines Erachtens über entsprechende rechtliche Vorgaben auch vorhanden sind. Wir wollen Wettbewerb, das ist europaweit klar ausgesprochen, und dementsprechend muss auch ein Zugang zu diesen Informationen da sein – egal ob im Servicefall oder im Notfall.
Natürlich die freien Werkstätten und den Teilehandel. Bei den Versicherungen, die im Rahmen der Schadensteuerung teilweise auf eigene Werkstattnetze setzen, haben wir eine Schnittmenge. Die Interessen der Versicherungswirtschaft sind nicht immer auch unsere. Sobald die Gefahr der Abschottung gegeben ist, sollte der gesamte freie Markt hier eine einheitliche Meinung haben.
Das hängt sicher auch vom Unfallgeschehen ab. Vermutlich gibt es Korrelationsstatistiken, die belegen, das dann, wenn ein Airbag ausgelöst wird, der Autofahrer soweit beeinträchtigt ist, dass ein automatischer eCall sinnvoll ist, um eine schnelle Rettung zu ermöglichen. Bei einem Parkrempler wäre es sicher übertrieben, einen eCall auszulösen.
Wichtig ist, dass der freie Markt überhaupt mit einer Stimme spricht und ich finde, der GVA macht hier einen guten Job.
Generell sind Telematikdienste im Fahrzeug angekommen und das ist zum Nutzen des Fahrers. Das Thema elektronische Vernetzung ist einerseits technologisch sehr spannend, andererseits aber auch erschreckend, weil man oft nicht mehr weiß, was wann wohin gesendet wird. Genau das muss aber der Autofahrer als Souverän wissen. Das darf nicht von außen diktiert werden, auch nicht von der EU.
Das Interview führte Bettina John.