München. Deutliche Kostensenkungen in der Lieferkette wären möglich, wenn sich die Akteure zu mehr Offenheit untereinander durchringen könnten, meint Wolfgang Stölzle, Inhaber des Lehrstuhls für Logistikmanagement an der Uni St. Gallen.
Herr Stölzle, die Automobilbranche arbeitet seit Langem an der Steigerung der Zuverlässigkeit ihrer Logistikketten. Existiert hier noch Optimierungspotenzial?
Im Ergebnis funktionieren die Lieferketten auf einem sehr hohen Zuverlässigkeitsniveau. Zu Bandstillständen bei Automobilherstellern kommt es nur extrem selten. Allerdings muss hinter den Kulissen oft mit Eiltransporten wie etwa ungeplanten Luftfrachten improvisiert werden.
Wie wirkt sich die Globalisierung auf die Zuverlässigkeit aus?
Die Lieferketten sind wegen der Globalisierung immer länger geworden und die Komplexität ist gestiegen, weil immer mehr Akteure beteiligt sind. Das treibt natürlich Intransparenz und Störanfälligkeit des Systems in die Höhe. Zugleich werden – Stichwort Lean Supply Chain – Zeit- und Bestandspuffer weiter abgebaut, um die Kosten zu reduzieren. Im Ergebnis gewinnt dadurch die Fähigkeit zum Störfallmanagement enorm an Bedeutung.
Auf welchem Niveau bewegt sich die Branche dabei?
Mein klarer Eindruck ist, dass der Fokus der Diskussionen zu sehr auf das strategische Risikomanagement verengt wird und das operative Störfallmanagement einen zu geringen Stellenwert bekommt. Staus und Streiks, Wetterphänomene und Naturkatastrophen, Brände oder Stromausfälle werden sich auch mit Risikomanagement nicht verhindern lassen – die Aufgabe wird sein, trotzdem die Versorgung aufrechtzuerhalten. Dafür muss das Störfallmanagement perfektioniert werden.