Wer sich auch nur kurze Zeit in der VW-Niederlassung Unter den Linden in Berlin aufhält oder gegenüber, wo Mercedes sein Hauptstadt-Schaufenster hat, macht eine interessante Entdeckung: Kinder, Jugendliche, Menschen jeden Alters zücken ihre Handy- Kameras und fotografieren die dort ausgestellten Bugatti, Bentley oder Mercedes SLS. Erstaunlich ist das deshalb, weil man doch seit Jahren immer wieder lesen und hören kann, junge Menschen interessierten sich heute weniger fürs Auto als ältere Generationen, das Smartphone sei mehr Statussymbol als ein eigenes, PS-starkes Auto. Auch Kleidung, Wohnung und Fernreise seien wichtiger.
Um es kurz zu machen: Mir ist nicht eine einzige wissenschaftliche Untersuchung bekannt, die eine dieser Thesen stützt. Die in diesem Zusammenhang immer wieder zitierte Umfrage von Progenium aus dem Jahr 2011 sagt sogar das genaue Gegenteil: Das von den 1000 Befragten meistgenannte Statussymbol ist Porsche. Vor dem iPhone werden noch zwei weitere Automarken genannt: Mercedes und Audi. Offenbar zitieren Journalisten und Wissenschaftler immer wieder diese Studie, ohne sie gelesen zu haben.
Natürlich hat auch Professor Ferdinand Dudenhöffer schon öffentlichkeitswirksam ins gleiche Horn gestoßen: „Facebook und virtuelle Welten prägen heute die Werte von jungen Menschen – und weniger die Heldensagen von Alfa Romeo, Ferrari, Porsche und Lamborghini.“ Lieber Herr Professor, kein anderes Produkt wird auf Facebook so viel diskutiert, gepostet, geliked wie das Auto. Die Marke Mercedes hat weltweit elf Millionen Facebook- Fans, Audi gar 18 Millionen. Und BMW hat mit 14 Millionen doppelt so viele Freunde auf Facebook wie Apple. Wenn sich junge Menschen vom Auto abwenden, dann nicht, weil es nicht „cool“ wäre, einen Porsche, Audi oder BMW zu fahren, sondern weil es immer teurer wird: Die Versicherung kann für Fahranfänger bis zu 2000 Euro im Jahr kosten. Der Führerschein schlägt laut ADAC im Schnitt mit 1700 Euro zu Buche. Das macht Autos nicht weniger begehrenswert, aber für viele junge Menschen unerreichbar. So ist das Smartphone für die durchaus technikaffine Jugend eher eine Art Ersatzbefriedigung. Es verschwindet in der Hosentasche, sobald das Geld fürs erste Auto reicht.