München. Die AVAG übernimmt das traditionsreiche Stuttgarter Autohaus Staiger, der Hamburger Handelsriese Dello schluckt den gleich starken Wettbewerber Dürkop, die Emil-Frey-Gruppe ist durch Übernahme der neun Standorte des VW-Händlers Kath nun auch im Norden der Republik vertreten, und das VW-Autohaus Rösch schlüpft mit seinen drei Standorten in Pforzheim unter das Dach der Hahn-Gruppe, die sich in der Metropolregion Stuttgart etabliert hat: Seit Mitte des Jahres 2014 häufen sich die Meldungen von Übernahmen im Reich der Handelsriesen.
Eine Entwicklung, die durchaus im Sinne der Hersteller ist, meint Willi Diez, Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft (IFA): „Früher sahen die Hersteller solche Mammutfusionen eher mit Argwohn.“ Mittlerweile habe in den Chefetagen der Autobauer ein Umdenken bezüglich der durchschnittlichen Händlergröße eingesetzt. „Die Hersteller sehen die schwachen Renditen ihrer Vertragspartner und erkennen die Notwendigkeit der Konsolidierung.“
Und tatsächlich finden die meisten Zusammenschlüsse auch innerhalb der Marken statt. Fabrikatswechsel seien eher die Ausnahme – wie etwa die Übernahme des BMW-Händlers Hansa Nord durch Opel Dello. Ein solcher Wechsel zu einer Premiummarke käme für Mitbewerber AVAG nicht infrage, betont Aufsichtsratschef Albert Still. Einen Schwerpunkt im Übernahmepoker bildet Opel – die Marke also, bei der der Turnaround allmählich Wirkung zeigt. „Das Netz hat aber nach wie vor Probleme“, sagt Diez. Es gebe immer noch Konsolidierungsdruck in der Handelsorganisation. Viele Partner hätten sich vor Jahren für einen bundesweiten Opel-Marktanteil von 15 Prozent aufgestellt – im Gesamtjahr 2014 erreichte die Marke aber nur knapp die Hälfte (7,2 Prozent).
Insgesamt ist die wirtschaftliche Situation für Übernahmen im Handel zurzeit günstig, wie auch Dello-Chef Kurt Kröger bestätigt. Dass sich die Übernahme-Deals häufen, hat mehrere Gründe. Die aktuell niedrigen Zinsen spielen den Käufern in die Hände. Beim Dürkop-Deal könnte zudem wichtig gewesen sein, dass der frühere Mehrheitseigner, die Nürnberger Versicherung, sich in den vergangenen Jahren bereits von fast allen Autobeteiligungen getrennt hatte – Dürkop war eines der letzten Engagements.
Welche Summen für die Staiger-Übernahme geflossen sind, ist nicht bekannt, wohl aber, dass die Stuttgarter in den vergangenen Jahren große Verluste gemacht haben – ein Umstand, der den Kaufpreis sicher eher gedrückt haben dürfte. Den Investitionsbedarf bei Staiger schätzt man in Branchenkreisen auf zehn bis 15 Millionen Euro. „Grundsätzlich darf man sich bei der Beurteilung von Übernahmen nicht auf den Kaufpreis fokussieren“, sagt Diez, „sondern man muss auch die Folgekosten im Blick haben, insbesondere die für Personal und Investitionen.“ Ganz wichtig sei es außerdem, das Tempo der Expansion zu kontrollieren.
Der Übernahmetrend in der Branche wird sich nach Diez' Ansicht weiter verstärken, allein schon wegen der steigenden quantitativen und qualitativen Anforderungen an die Autohäuser. So rollt derzeit eine „neue CI-Welle“ bei Ford, Renault, Opel, Mazda und Škoda, die dem Handel Investitionen in die neue Corporate Identity abverlangt. Dass das Autogeschäft immer digitaler wird, bringt die Autohäuser zusätzlich unter Druck: „Die Transformation in onlinebasierte Verkaufsprozesse“, so Diez, „ist mit großen Investitionen verbunden – vor allem in Mitarbeiter und Prozesse.“
Das weiß auch Burkhard Weller, Chef der Berliner Wellergruppe. Bis vor wenigen Jahren machte das Unternehmen durch zahlreiche Übernahmen von sich reden, zuletzt kaufte man 2011 vier Standorte in Ostfriesland von VW Retail. „Danach haben wir eine Pause gemacht“, sagt Weller, „wir waren nachwuchsmäßig ausgelutscht.“ Das habe sich mittlerweile geändert: Die Zahl der potenziellen Führungskräfte unter den Weller-Mitarbeitern wurde ausgebaut. Nun sei man bereit für die weitere Expansion, um die gesetzten Ziele bis 2020 – 100.000 Verkäufe, zwei Milliarden Euro Umsatz – zu erreichen. Weller: „Das Hauen und Stechen geht erst los.“