Ein Chef sollte von seinen Mitarbeitern nicht unbedingt geliebt, wohl aber respektiert werden. Seine Leute sollten ihm folgen, nicht weil er der Chef ist, sondern weil sie von der Richtung überzeugt sind. Seine Entscheidungen sollten gut begründet und nachvollziehbar sein. Ein Chef sollte also sein Team hinter sich bringen, nicht vor sich hertreiben. Das zeichnet gute Unternehmensführung aus. Was davon gilt noch für Daimler und Dieter Zetsche? Wird ein Chef, der statt der erwarteten Vertragsverlängerung über volle fünf Jahre nur noch einen Dreijahresvertrag bekommen hat, von seinen Leuten noch respektiert? Hat er sein Team hinter sich, wenn zu hören ist, dass bei Vorstandssitzungen keine kritischen Nachfragen mehr gestellt werden, weil solche in der Vergangenheit stets weggewischt wurden? Sind die Daimler-Mitarbeiter von der Strategie Zetsches noch überzeugt, wenn der Betriebsratsvorsitzende Erich Klemm mehr oder weniger unverhohlen dessen Ablösung betrieben hat?
Die Situation bei Daimler erinnert fatal an die Endzeit von Jürgen Schrempp, als die Mitarbeiter auch nicht mehr davon überzeugt waren, dass die Strategie vom Weltkonzern stimmt. Etwas scheint grundsätzlich faul zu sein im Staate Daimler – nicht erst seit vergangener Woche. Und das ist nicht nur Zetsche anzulasten. Auch der Betriebsrat hat in seiner Funktion als Co-Management des Konzerns nicht zum ersten Mal versagt. Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat sind dem Vorstandschef stets kritiklos gefolgt, haben die Chrysler- Übernahme, den Einstieg bei Mitsubishi und die verzettelte Modellpolitik abgenickt.
Vom Betriebsrat drang zu keiner dieser Fehlentwicklungen ein kritisches Wort nach draußen. Aber die Kürzung einer Schicht zum Auslauf der alten S-Klasse brachte die Arbeitnehmervertreter auf die Barrikaden. Kleinkarierter geht's kaum noch. Die Situation bei Daimler ist also nicht nur für das Management, sondern auch für die Mitbestimmung kein Ruhmesblatt. Die Stuttgarter Chaostage haben auch ihr Gutes: Ein Ende ist in Sicht. Demnächst geht Betriebsratschef Klemm in den Ruhestand. Und Aufsichtsratschef Manfred Bischoff hat drei Jahre, einen geeigneten Nachfolger für Zetsche zu finden. Derzeit ist niemand in Sicht, der das Zeug zum Chef hätte.