Herr Fuß, die Bedeutung des chinesische Automarkts f¬ür die deutschen Hersteller ist immens und wird noch weiter wachsen. Welche Folgen hat das?
Nach aktuellen Schätzungen wird der Bestand an Pkw auf der Welt bis zum Jahr 2050 von heute 900 Millionen auf dann zwei Milliarden Autos anschwellen. Der Löwenanteil dieses Wachstums wird in Asien, besonders in China, stattfinden. Wer davon profitieren will, muss dort präsent sein. Dies wiederum hat zur Folge, dass die Lokalisierung der Produktion zunehmen wird. Mit der Produktion vor Ort werden auch Forschung und Entwicklung vermehrt in China angesiedelt werden. Denn es ist grundsätzlich sinnvoll, dort, wo produziert wird, auch zu forschen und zu entwickeln.
Gibt es chinesische Einflüsse auf die deutschen Hersteller?
Die gibt es. Etwa in der Personalpolitik, wenn deutsche Hersteller eigene Vorstandsposten für den Verantwortungsbereich China einrichten. Dazu gehören weiterhin speziell auf den chinesischen Markt zugeschnittene Fahrzeuge wie etwa Langversionen von Limousinen. Man kann auch chinesische Einflüsse auf das Design feststellen, wenn die Autos wieder etwas eckiger und kantiger werden. Und schließlich hat die chinesische Regierung ein massives Interesse an der Elektromobilität.
Welche Impulse zur Elektromobilität sind aus China zu erwarten?
Es ist wichtig zu verstehen, dass China die Elektromobilität nicht nur aus Gründen des Klimaschutzes forcieren möchte, sondern vor allem auch, um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern. Deshalb ist China, viel stärker als Europa oder die USA, ein Treiber der Elektromobilität. Es scheint nicht mehr allzu fern zu sein, dass die chinesischen Behörden den Schalter pro Elektromobilität noch konsequenter umlegen als bislang.
Unlängst gab es Kartellverfahren gegen deutsche Hersteller in China. Müssen Audi & Co. mit weiteren Repressalien rechnen?
Von Repressalien kann nun wirklich keine Rede sein, überhaupt halte ich diese Diskussion für völlig überzogen. Kartellverfahren gibt es überall auf der Welt. Und dass es jetzt erstmals auch in China solche Fälle gab, zeigt im Grunde nur, dass die Behörden zunehmend auf fairen Wettbewerb achten. Tatsächlich ist China ebenso auf die westlichen Autohersteller angewiesen, wie es diese auf den chinesischen Markt sind. Das ist eine Win-win-Situation. Und gewiss wäre es kein Vorteil für China, einen Hersteller aus dem Markt zu treiben.
Wie schätzen Sie die künftige Entwicklung in China ein?
China wird weiterhin ein Wachstumsmarkt bleiben. Allerdings wird sich dieses Wachstum von den Metropolen im Osten mehr und mehr in den Westen Chinas verlagern, also von den Küsten ins Inland hinein. Damit entstehen neue Herausforderung für Marketing und Produktstrategien, denn dort dür¬ften andere Fahrzeuge gefragt sein als in den hoch entwickelten Zentren. Zudem spielt das Thema Gebrauchtwagen und Aftersales eine immer größere Rolle.
Im Jahr 2014 wuchs Chinas Automarkt um zehn Prozent, im Vorjahr waren es noch 16 Prozent. Kühlt der Boom allmählich ab?
Das lässt sich nicht eindeutig sagen. Es wird in Zukunft wohl größere Schwankungen geben und auch mal einstellige Wachstumszahlen. Die chinesische Regierung hat verstanden, dass man nicht permanent Vollgas fahren kann. Dennoch wird China für die Autobranche noch viele Jahre ein Wachstumsmarkt bleiben.
Welche Impulse erwarten Sie von der Autoshow in Schanghai?
Es wird wohl eine Fortsetzung des Programms der letzten großen Automessen geben, wo große und PS-starke Autos wieder im Kommen waren – allerdings mit deutlich reduziertem Verbrauch. Und natürlich sind und bleiben SUVs ein wachsendes Segment.