Stezzano. Wer bremst, verliert. Diese alte Weisheit aus dem Motorsport gilt in der Bremsen-Branche naturgemäß nicht. Bestes Beispiel hierfür ist der italienische Hersteller Brembo, der bei Bremsanlagen für High-Performance-Serienautos wie dem Ferrari 458 Italia oder dem Aston Martin V12 Vanquish Weltmarktführer ist. Auf dem Feld der Hochleistungs-Stahlbremsen für Serien-Pkw zählen sich die Norditaliener zur Weltspitze. Aktuelle Strategie: Ausweitung der Marktanteile von oben nach unten. Dazu gehört speziell die Etablierung von Carbon- Keramik-Bremsen dort, wo sie bisher unbezahlbar sind: in der oberen Mittelklasse. Sie sind stark, leicht und langlebig, aber auch sehr teuer: Bremsen aus Carbon-Keramik (CCM). Bisher findet man Bremsscheiben aus dem ultraleichten Hightech-Material nur in extrem hochpreisigen Sportwagen und Luxusautos wie Lexus LFA oder Bentley Continental GT – serienmäßig oder für mindestens 8000 Euro Aufpreis.
Das soll sich nach den Plänen von Brembo mit Sitz in Stezzano bei Bergamo schon bald ändern. Roberto Vavassori, Direktor für Geschäftsentwicklung: "Bis in fünf Jahren werden wir Kosten und Komfortmerkmale von Carbon- Keramik-Bremsen so weiterentwickelt haben, dass sie auch für die obere Mittelklasse bezahlbar sein werden.“ Bremsscheiben aus CCM bieten gegenüber konventionellen Stahlbremsen große Vorteile: hohe und konstante Reibwerte und somit kein Fading, bis zu 300.000 Kilometer Lebensdauer, dazu rund 70 Prozent Gewichtsersparnis. Diesen Vorteilen steht bislang ein sehr hoher Preis gegenüber, bedingt durch enorme Produktionskosten und sehr hohen Entwicklungsaufwand. Beim Porsche Panamera etwa liegt der Aufpreis für die Keramikbremsanlage bei 8711 Euro, beim Audi R8 sind es 8820 Euro. Einer der Gründe: Die Herstellung einer Bremsscheibe aus Carbon-Keramik nimmt rund eine Woche in Anspruch. Brembo legt großen Wert auf den Bereich Forschung und Entwicklung.
Knapp zehn Prozent der rund 5400 Mitarbeiter bei Brembo arbeiten im Research & Development-Center "Kilometro Rosso“. Anteil der R&D-Investitionen am Gesamtumsatz 2009: sechs Prozent. Wie weit sich der Preis für Carbon-Keramik-Bremsen nach unten entwickeln wird, lässt Vavassori noch offen. Klar ist jedoch, dass die CCM-Technologie schon heute weniger aufwendig und teuer ist und viel besser geeignet für den Einsatz in Serienautos als die reinen Carbon-Bremsen aus der Formel 1. Diese Bremsen sind noch teurer und zu unkomfortabel für eine große Serienverbreitung. Die CCM-Bremsen dagegen liegen derzeit nur noch im Preis zu hoch, bei allen anderen Kriterien – etwa Druckpunktkonstanz, Unempfindlichkeit gegenüber Fading, Laufleistung, thermische Belastbarkeit – sind sie Hochleistungs- Stahlbremsen überlegen.
Derzeit beliefert Brembo unter anderem Ferrari, Maserati, Lamborghini, Porsche, BMW, Mercedes- Benz, Audi, Lexus, Aston Martin, Bentley, Corvette, Rolls-Royce und Lotus. Bei der Entwicklung des Supersportwagens Lexus LFA etwa erhielten die Italiener den Zuschlag, weil sie die extrem hohen Ansprüche der Japaner in puncto Performance und Haltbarkeit, aber auch beim Design der von außen sichtbaren Bremssättel besser als die Konkurrenz erfüllen konnten. Brembo erzielte 2009 einen Umsatz von 825,9 Millionen Euro, davon entfielen 21,5 Prozent auf Deutschland. Tendenz steigend.