München. Bratzel hatte jüngst in einer Studie die Rückruf-Trends 2013 untersucht. Ergebnis: Allein in den USA waren im vergangenen Jahr 20,5 Millionen Pkw von Rückrufen betroffen – rund ein Drittel mehr als noch im Vorjahr. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht, denn in diesem Jahr könnten die Zahlen noch dramatischer werden. Zufall? Wohl kaum. Es trifft inzwischen alle Hersteller. Toyota, einst als Qualitätsprimus bekannt, führt aktuell die wenig schmeichelhafte Tabelle der Rückruf-Giganten an. Im jüngsten Fall geht es um Befestigungen von Sitzschienen und Lenksäulen diverser Modelle. Bei General Motors sorgte zuletzt ein defektes Zündschloss für ein Desaster. Das Bauteil gilt als Auslöser zahlreicher schwerer Unfälle mit mindestens 13 Toten. Besonders tragisch: GM wusste seit Jahren von dem Problem – unternahm aber nichts. Bratzel: „Dieser Umstand dürfte das Image von GM stark beschädigen, denn es handelt sich dabei nicht einfach um eine qualitative Schlamperei, sondern das grenzt schon an Betrug am Kunden.“ Teuer wird der Rückruf in jedem Fall, für das erste Quartal rechnet GM mit Belastungen aus Reparaturen diverser Mängel von rund 940 Millionen Euro. Hinzu könnten Strafen sowie Entschädigungen aus Zivilprozessen kommen. Wenn Hersteller jedoch offensiv mit einem Rückruf umgehen und die Fehlerbeseitigung rasch und transparent angehen, kann dies nach Bratzels Einschätzung sogar einen positiven Imageeffekt hervorrufen. Nach dem Motto: Diese Marke kümmert sich auch nach dem Kauf um ihre Kunden. Bei Millionen-Rückrufen jedoch wird dies immer schwieriger. Und die Rückrufquote steigt. Im vergangenen Jahr lag sie global bei 131 Prozent. Einige Hersteller mussten mehr Pkw zurückrufen, als sie neu ausgeliefert hatten.
Kostendruck und Co. sind Gift für die Qualität
Autoindustrie steckt in der Rückruf-Falle
„Ich glaube nicht an Zufälle“, sagt Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach. Seit Jahresbeginn gab es auffällig viele große Rückrufe in der Autoindustrie. Für Bratzel sind sie das Symptom einer strukturellen Veränderung der Branche. „Die globale Produktion, die steigende Zahl an Zulieferern, die immer höhere Produktentwicklungsgeschwindigkeit und das enorme Marktwachstum – all das erzeugt einen enormen Druck auf die Hersteller. Und diesem Druck kann das Qualitätsmanagement nicht immer standhalten“, sagt er.