München. Die Entwicklung des Automobils zum rollenden Computer oder zum mobilen Device mit Rädern hat der Automobilindustrie einen ganz anderen Stand gegenüber IT-Lieferanten gebracht. Die schätzten die Automobilhersteller zwar auch schon vor gut einem Jahrzehnt. Aber als Kunde war die Automobilindustrie so klein, dass kaum ein Halbleiterhersteller Produkte speziell für Automobile entwickelt. „Vor mehr als 10 Jahren wurden in den elektronischen Systemen noch vielfach Standard Bauelemente eingesetzt, die zwar nach den Automobilen Qualitätsstandards qualifiziert und freigegeben waren, aber meistens nicht speziell für den Automobilmarkt entwickelt worden sind“, sagt Stefan Steyerl, Director Automotive Sales bei Analog Devices. Heute entwickelt Analog Devices Bauelemente und Lösungen meist speziell für die Automobilindustrie.
Festmachen lässt sich die Veränderung auch an Zahlen. Den Experten von Strategy Analytics zufolge stieg der Automobilanteil am gesamten Halbleitermarkt von 2010 bis 2014 von 7,7 auf 10,4 Prozent. In absoluten Zahlen soll das Marktvolumen für Automotive-Halbleiter von 2014 bis 2020 von 29,8 Milliarden US-Dollar auf 41,9 Milliarden US-Dollar steigen – was fast einer Verdopplung gegenüber 2010 entsprechen würde.
Das ist nicht verwunderlich, wenn man einen Blick auf die Software wirft. Die Experten von Spencer Stuart verglichen die Zahl der Programmierzeilen: moderne Highend-Autos kommen demzufolge auf 100 Millionen Zeilen, Facebook inklusive Backend-Code auf 62 Millionen und die gesamte Flugsoftware einer Boeing 757 auf zwölf Millionen Zeilen.
Auch bei den Unternehmen der IT-Branche sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache. Bei Infineon stieg der Umsatzanteil der Automotive Division in den vergangenen Jahren von 40 auf 45 Prozent. „Unseren Marktanteil am weltweiten Halbleitermarkt für Automobile von derzeit zirka elf Prozent wollen wir ausbauen“, sagt Jochen Hanebeck, Leiter des Geschäftsbereichs Automobilelektronik bei Infineon. Nach der Akquisition des US-Unternehmens International Rectifier liege der Anteil nun wieder bei 40 Prozent.
„Die Automobilindustrie ist neben ‚Security & Connectivity‘ eines der beiden wichtigsten strategischen Wachstumsfelder für NXP“, betont Kurt Sievers, NXP-Automobilvorstand. Seit 2009 habe sich der NXP-Umsatz Automobilsparte etwa verdoppelt – „ein jährliches durchschnittliches Wachstum von 13 Prozent“, sagt Sievers. Nach dem für den Sommer erwarteten Abschluss der Übernahme von Freescale wird NXP vor Renesas aus Japan und Infineon der weltgrößte Halbleiterproduzent für den Automobilbereich sein. „Die Automobilelektronik ist und bleibt unser wichtigstes Marktsegment“, sagt Jürgen Weyer. Der Freescale-Automotive-Chef für die Region EMEA verweist auf den Umsatzanteil des Automobilbereichs von mehr als 40 Prozent an den Gesamterlösen.
Bei Analog Devices waren Automobilprodukte in den vergangenen Jahren „das am stärksten wachsende Geschäftsfeld“, sagt Stefan Steyerl. 2014 sei der Automotive-Umsatz auf 525 Millionen US-Dollar gestiegen.
Starkes Wachstum gibt es auch im Bereich Vernetzung und neue Geschäftsmodelle – Stichworte Backend und Cloud. „Wir verzeichnen sehr hohe Wachstumsraten im Bereich vernetztes Automobil und Backendsystem“, sagt Dirk Wollschläger, globaler Automotive-Chef bei IBM. Analysten, so Wollschläger, „sehen die Automobilbranche als zweitgrößte Industrie unter dem Aspekt der Datenerzeugung im Internet der Dinge. Größere Datenmengen erwarten sie nur aus der Energieversorgung.“
Geändert hat sich auch die Zusammenarbeit der IT-Firmen mit der Automobilindustrie. „In Summe hat sich die Zusammenarbeit von einem traditionellen Verkauf von Halbleiterbauelement in eine langfristige Kooperation mit Systemlieferanten und Automobilhersteller entwickelt“, sagt Analog-Devices-Manager Steyerl.
„Automobilhersteller und Halbleiterhersteller sind in den vergangenen Jahren deutlich enger zusammengerückt“, unterstreicht auch NXP-Automotive-Chef Sievers.
Dafür so ergänzt Steyerl, „bilden viele Automobilhersteller Partnerschaften mit Halbleiterherstellern. Ein gutes Beispiel dafür ist Audis PSCP (Progressive Semiconductor Program), bei dem Analog Devices ein Partner ist.“ Auch NXP, ST Microelectronics und Freescale band Audi vor einigen Jahren in die Innovationspartnerschaft ein.
Dabei ist für die IT-Branche keineswegs nur das Umsatzwachstum in der Automobilindustrie wichtig. Auch strategisch hat die Branche Bedeutung. Stefan Steyerl sagt: „Die Automobilindustrie hat sehr hohe Anforderungen an die Technologien, die Qualität und die Liefersicherheit.“ Von den Erfahrungen, die man in der Automobilindustrie gewinne, profitierten auch die anderen Geschäftsbereiche von Analog Devices.
NXP-Manager Sievers sieht „das Auto als das komplexeste Beispiel für das häufig zitierte ‚Internet der Dinge‘. Es spiegelt die ganze Komplexität wider – den Bedarf an hochkomplexen Systemen aus integriertem Processing, drahtlosen und drahtgebundenen Verbindungen, Datenschutz, Schutz gegen Hackerangriffe und ausgefeilter Sensorik.“ Die hohen Ansprüche der Automobilindustrie an Betriebstemperaturen, Lebensdauer oder extrem niedrige Fehlerraten bereiteten NXP optimal darauf vor, auch für andere kommerziellen Anwendungen Produkte zu liefern, die extrem zuverlässig und innovativ seien.