Es gibt Beiträge zur Diskussion um die Euro-Krise, die sind so absurd, dass man sie kaum glauben kann. Ein Vorschlag dieses Kalibers wurde kürzlich von jemandem in den Raum gestellt, der aus mir unerfindlichen Gründen "Wirtschaftsweiser“ genannt wird: Peter Bofinger schlug vor, in den anstehenden Tarifverhandlungen die Löhne in Deutschland, unter anderem in der Metall- und Elektrobranche, um durchschnittlich fünf Prozent zu erhöhen. Und das, obwohl Bofinger selbst einräumt, dass wegen Inflation und Produktivitätsplus eigentlich nur drei Prozent drin wären. Die zwei zusätzlichen Prozentpunkte sollten dazu dienen, die relative Wettbewerbsfähigkeit der südeuropäischen Krisenstaaten zu stärken, indem Deutschland die seine schwächt.
Das ist, als würde man einem 100-Meter-Läufer vor dem Rennen raten, doch etwas langsamer zu laufen, damit die Sportsfreunde, die im vergangenen Winter statt zu trainieren auf dem Sofa gesessen und Kartoffelchips und Cola in sich hineingeschüttet haben, auch noch mitkommen. Man muss sich wirklich nicht wundern, dass man sich von der Politik keine Lösung der Euro-Krise mehr erhofft, wenn sie von solchen "Weisen" beraten wird. Vielleicht sollte Herrn Bofinger mal jemand sagen, dass die Konkurrenten des deutschen Maschinenbaus, der Auto- und Zulieferindustrie nicht in Portugal, Spanien oder Griechenland und auch kaum noch in Norditalien sitzen, sondern in den USA, Japan, Südkorea und zunehmend auch in China.
Die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber diesen Wirtschaftsmächten zu schwächen, würde die deutsche Industrie massiv Marktanteile und Arbeitsplätze kosten. Autos, vor allem im Volumensegment, sind extrem preissensible Güter. Das weiß jeder Autohändler zu berichten, dem schon wegen wenigen 100 Euro Geschäfte durch die Lappen gegangen sind. Leider ist das Gedächtnis mancher Menschen doch offenbar schlecht entwickelt. Sonst erinnerten sich zumindest die Älteren noch gut an die 80er-Jahre, als die japanische Autoindustrie auch wegen überlegener Produktivität und dem daraus erwachsenen Preisvorteil den europäischen Autobauern, auch den deutschen, massiv Marktanteile abgenommen hat. Herr Bofinger, Jahrgang 1954, müsste sich daran eigentlich noch erinnern.