München. Die wachsende Bedeutung der Auslandsfertigung ist nicht zu übersehen. Im vergangenen Jahr produzierten deutsche Autohersteller erstmals mehr als acht Millionen Pkw im Ausland, drei von fünf Autos liefen dort vom Band. Fast drei Millionen davon fertigten Joint Ventures in China. Für 2013 sagen die Analysten von IHS eine Steigerung auf gut 3,4 Millionen Einheiten voraus. Damit ist China drei Mal so stark wie die drei weiteren BRIC-Staaten zusammen: In Brasilien, Russland und Indien dürfte die deutsche Pkw-Produktion 2013 nur gut 1,1 Millionen Fahrzeuge erreichen. Viele Lieferanten ziehen mit: Anfang 2013 zählte der Verband der Automobilindustrie (VDA) rund 1700 Standorte deutscher Zulieferer im Ausland. Und es werden immer mehr. Jüngst baute der Kerpener Oberflächenveredler Group Material Technology ein Werk in Schanghai, um dort Aluminium- Werkstoffe mit Verschleiß- und Korrosionsschutz zu versehen. Entsprechend der Bedeutung des chinesischen Markts verstärkt der VDA seine Präsenz vor Ort. Wie Automobilwoche aus mehreren Quellen erfuhr, will der Verband eine eigene Repräsentanz in China eröffnen. Bislang kooperiert er dort mit dem Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Die VDMA-Tochter German Mechanical Engineering and Commercial Services (GMECS) berät auch Automobilzulieferer beim Schritt nach China. Zentrale Dienstleistungen sind die Personalvermittlung, die Erstberatung zur Firmengründung sowie die Standort- und Partnersuche.
Aufbruch ins Ungewisse
Rainer Gölz, Geschäftsführer von Witte Automotive, bringt die Situation vieler Zulieferer auf den Punkt: „Niemand zwingt uns, Auslandsstandorte zu eröffnen. Aber bei manchen großen Kunden können wir Aufträge nur dann generieren, wenn wir auch eine internationale Präsenz bieten.“ Der Finanzierungsbedarf und die erforderlichen Managementkapazitäten sind für Witte als Mittelständler aber „eine sehr große Herausforderung“. Wichtig bei der Expansion ins Ausland ist die Begrenzung des Risikos. Hansjörg Müller rät zur Vorsicht. Der Geschäftsleiter Firmenkunden der Bank für Tirol und Vorarlberg in Deutschland betont: „Der Unternehmer muss sich vorab die grundsätzliche Frage stellen, ob sich das Unternehmen einen Totalverlust der Investitionen leisten beziehungsweise angefallene Verluste auffangen kann.“ Sei er dazu nicht in der Lage, könne man über Joint Ventures oder den Start mit einem kleineren Werk nachdenken. Angesichts der Anforderungen und Risiken wagten auch „hauptsächlich Unternehmen mit mehr als 200 Millionen Euro Umsatz den Schritt in die BRIC-Staaten“, erklärt Müller. Einen anderen Weg für die Internationalisierung hat Witte Automotive realisiert, wie Geschäftsführer Gölz berichtet: Im Jahr 2000, damals noch mit einem Umsatz in der Größenordnung von 200 Millionen Euro, entschied sich der Zulieferer für eine Allianz mit dem US-Unternehmen Strattec. Witte bearbeitete den Markt in Europa einschließlich Russland, Strattec Nordamerika und Mexiko, und das Joint Venture Witte- Strattec den Rest der Welt. 2006 stieß das US-Unternehmen ADAC Automotive hinzu und die Allianz wurde in VAST (Vehicle Access Systems Technology) umbenannt. VAST verfügt mittlerweile über drei Werke in China und eines in Brasilien. Witte Automotive wuchs unterdessen auf 440 Millionen Euro Umsatz. Mit dieser Allianz, so erläutert Gölz, sei es Witte gelungen, „die globale Präsenz mit sehr hohem Tempo zu erreichen. Fast in jedem Jahr konnten wir einen weiteren Meilenstein erreichen – durch neue Werke in neuen Regionen oder gemeinsame Übernahmen.“ Derartige Allianzen sieht Gölz durchaus als Blaupause für andere Zulieferer. Er betont aber: „Die Chemie zwischen den Partnern muss stimmen, damit man darauf vertrauen kann, dass stets Lösungen gefunden werden, die für alle Seiten tragbar sind.“ Zentrale Bedeutung für den Erfolg neuer Auslandswerke besitzt auch die Personalgewinnung auf allen Ebenen. „In den ersten zwei oder drei Jahren muss man oft auf einen gesandten Geschäftsführer oder technischen Leiter setzen. Das kostet viel Geld, und gerade bei kleinen und mittelständischen Unternehmen fehlen die Manager an anderer Stelle“, erläutert Dirk Meyer, geschäftsführender Partner des Forums BRIC und Campus China. Daher sollten sich die Unternehmen bemühen, möglichst früh lokales Personal einzubeziehen. Meyer: „Funktionen wie Vertrieb, Einkauf, Personal oder Finance, nicht aber das Controlling, sind bei lokalen Fachkräften häufig besser aufgehoben.“ Führungskräfte aus dem jeweiligen Land sind auch für Kirchhoff Automotive erste Wahl. Arndt G. Kirchhoff, der geschäftsführende Gesellschafter und Chef der Kirchhoff Holding und Vorsitzende des VDA-Mittelstandskreises, betont: „Wir bemühen uns um lokale Kräfte. Zum einen aus Kostengründen, zum anderen, weil sie die Kultur dort besser kennen.“ Entscheidend sei letztlich, „ob man kompetente Manager findet, denen man auch vertraut. Gelingt uns das nicht, setzen wir bewährte Kräfte aus unseren bereits vorhandenen Standorten ein.“
Bereits bei der Auswahl eines Auslandsstandorts sollte die Personalgewinnung berücksichtigt werden. „Als Faustformel gilt, dass ein Unternehmen in China seine Fach- und Führungskräfte in einem Umkreis von etwa 300 bis 400 Kilometern rekrutieren muss“, erläutert Meyer. Vernachlässigen sollte man dabei auf keinen Fall die Mitarbeiter in der Produktion. In einer Region, die beispielsweise bislang nur von Tourismus oder Textilkunst lebte, werde ein Metallverarbeiter keine Mitarbeiter finden, die er mit gutem Ergebnis anlernen oder ausbilden kann.