Herr Gandel, welchen Umsatz hat Sonceboz 2021 erzielt?
Unser Umsatz betrug rund 500 Millionen Schweizer Franken, davon entfallen etwa 80 Prozent auf unser Automobilgeschäft. Einschließlich unseres Lkw-Geschäfts liegt der Automotiveanteil bei zirka 90 Prozent.
Sonceboz ist ein Mechatronikspezialist. Inwiefern profitieren Sie von der E-Mobilität?
Die E-Mobilität wird uns neue Anwendungen ermöglichen. So benötigen Batterien beispielsweise ein Wärmemanagement. Wir erwarten, dass Lösungen für das Wärmemanagement im Zeitraum zwischen 2025 und 2030 einen großen Anteil an unseren Mechatronikaktivitäten ausmachen. Es wird auch neue Anwendungen für die Innenausstattung geben, weil die Geräuschminimierung in einem Elektrofahrzeug an Bedeutung gewinnt. Alle Anwendungen im Fahrzeuginnenraum müssen geräuscharm sein. Die Elektrifizierung von Fahrzeugen ist also eine große Chance für die Mechatronik.
Wie groß ist der europäische Anteil an Ihrem Automobilgeschäft?
Rund jeweils ein Viertel unseres Umsatzes entfällt auf Nordamerika und Asien, zirka die Hälfte auf Europa.
Welches sind Ihre wichtigsten Kunden im Pkw-Bereich?
Mit BMW, Mercedes und Audi definitiv die deutschen Fahrzeughersteller. Aber zu unseren weltweiten Kunden zählen auch die neuen chinesischen E-Autohersteller wie Nio oder Great Wall Motors. Wir sehen uns als ein Unternehmen, das im Bereich der Mechatronik die weltweiten Standards setzt. Ein Beispiel dafür ist unsere Luftklappe für den Kühlergrill. Eine Komponente, die wir an die meisten Fahrzeughersteller der Welt liefern.
Sind Sie auf die Premiumhersteller fokussiert?
Das hängt von der Anwendung ab. Wir liefern beispielsweise Aktuatoren für das Kombiinstrument. Mit diesen Aktuatoren beliefern wir wirklich jeden Fahrzeughersteller weltweit.
Eines Ihrer Geschäftsfelder sind intelligente mechatronische Antriebssysteme. Welche Entwicklungen gibt es in diesem Bereich?
Mehr als zwei Drittel unserer mechatronischen Systeme sind mit einer integrierten Intelligenz ausgestattet. Dazu zählen Pkw-Anwendungen aber auch zahlreiche Anwendungen für Lkw, zunehmend im Bereich der E-Trucks. Die Lkw-Hersteller stellen auf E-Antriebe um und wir entwickeln dafür beispielsweise elektro-hydraulische Servolenkungen. Alle Produkte, die wir heute für die Automobilindustrie entwickeln, verfügen über Intelligenz. Unsere Aktuatoren enthalten durchgängig eine intelligente Elektronik. Wir haben viele Kunden, die die von unseren Stellantrieben gelieferten Daten nutzen wollen. Unser On-Board-Diagnosesignal liefert beispielsweise Daten zur Temperatur oder ob unser Stellantrieb auch einwandfrei funktioniert.
Kaufen Sie die Sensoren ein, die Sie für Ihre Produkte benötigen?
Nein, wir stellen die Sensoren selbst her und bauen sie in unsere Aktuatoren ein. Je nach Bedarf liefern die Sensoren Daten zu Geschwindigkeit, Temperatur, Druck oder auch Vibrationen in der Anwendung.
Was ist derzeit die größte Herausforderung für Sonceboz?
Die erste und größte Herausforderung besteht darin, wenn unsere Automobilkunden ihre Fahrzeugproduktion herunterfahren und nicht mehr bestellen. Die zweite Herausforderung ist der Mangel an elektronischen Bauteilen in der Lieferkette. Wir kämpfen natürlich darum, neue Quellen zu finden und suchen nach alternativen Lösungen. Diese Herausforderungen werden uns auch wohl noch das ganze Jahr 2022 begleiten.
Erhalten Sie Rohmaterial von Russland oder produzieren Sie dort vor Ort?
Wir haben keine Werke in Russland, aber natürlich erhalten wir Informationen von unseren Lieferanten, welche Waren sie aus Russland und der Ukraine beziehen. Im Augenblick kann sich alles schnell ändern. Wir sind auf schlechte Nachrichten vorbereitet.
Haben Sie das Gefühl, dass nach der Corona-Krise Fahrzeughersteller und Zulieferer näher zusammengerückt sind?
2021 war wegen der verschiedenen Engpässe bei Materialien ein schwieriges Jahr, aber die Beziehungen zu Kunden und unseren Lieferanten hat sich verstärkt. Wir sprechen mehr miteinander. Es gibt sogar eine gewisse Gesprächsbereitschaft über höhere Preise. Zudem glaube ich, dass die Krisen zu einer gewissen Annäherung zwischen den Unternehmen und Menschen in den jeweiligen Kontinenten geführt haben. Für uns ist es beispielsweise schwieriger geworden, mit einem Kunden oder Lieferanten in Japan zu sprechen. Aber ich hoffe, dass sich die Situation wieder normalisiert.
Wie ist Ihre Vision für Sonceboz im Jahr 2030?
2030 werden wir weiterhin für die Automobilindustrie tätig sein, und zwar mit sehr unterschiedlichen mechatronischen Applikationen. Wir haben Glück, dass die Kernkompetenz von Sonceboz die Mechatronik ist. Die Wandlung eines Signals in eine mechanische Bewegung wird sowohl für ein Verbrennerfahrzeug als auch für elektrifizierte Fahrzeuge benötigt. Zudem werden wir uns stärker in Richtung Applikationen für elektrifizierte Lkw engagieren.
Wie viel Prozent ihres Geschäfts erwirtschaften Sie derzeit im Bereich E-Mobilität und wie hoch ist der Anteil für Verbrennungsmotoren?
Derzeit entfallen 25 bis 30 Prozent auf den Bereich E-Mobilität. Beispielsweise liefern wir Aktuatoren für die Regelung von Wasserventilen im neuen Audi e-tron. Bis 2030 werden 50 Prozent der Autos elektrisch betrieben sein. Und unser Anteil am Umsatz im Bereich E-Mobilität wird etwa im gleichen Bereich liegen.
Sonceboz ist in erster Linie Automobilzulieferer. Soll das so bleiben?
Wir haben einige Aktivitäten in der Medizin- und in der Automationstechnik. Aber das Automobilgeschäft wird auch im Jahr 2030 unser stärkster Bereich sein. Falls sich der Medizinbereich stärker entwickeln sollte, könnten wir diesen von unserem anderen Geschäft separieren. Aber unser Hauptfokus liegt nach wie vor auf Automotive.
Ist Wasserstoff ein Thema für Sonceboz?
Wir sind in diesem Feld aktiv, aber da geht es um Truck-Applikationen. Wasserstoff werden wir zunächst bei Anwendungen in schweren Lkw sehen.
Ist das Unternehmen groß genug für die Herausforderungen der Zukunft?
Ja, wir sind eines der führenden Unternehmen im Bereich Mechatronics und wachsen organisch. Ein organisches Wachstum von acht Prozent jährlich reicht uns völlig. Wir wollen nicht Umsatz zukaufen. In unserer Strategie legen wir mehr Wert auf Innovation und Exzellenz. Zukäufe interessieren uns nicht. Zudem sind wir zu 100 Prozent ein Familienunternehmen. Das ist sehr wichtig, um agil zu arbeiten und schnelle Entscheidungen treffen zu können.
Welche Bedeutung haben für Sie Partnerschaften mit anderen Unternehmen?
Partnerschaften sind wichtig. Manchmal kann man Allianzen eingehen, um bessere Lösungen zu finden. Partnerschaften spielen bei uns auch eine Rolle im Zusammenhang mit unserer Internationalisierungsstrategie. Wir haben große Kunden wie die deutschen Fahrzeughersteller und folgen ihnen in die Welt. Unsere Werke aber sind in Europa. Wir arbeiten daher mit Lizenzen, um unsere Kunden in Asien und nach Nordamerika bedienen zu können. Wir sind also ein weltweiter Zulieferer, aber mit Partnerschaften in den Regionen außerhalb Europas.
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