Herr Lissalde, derzeit sind in der Zulieferindustrie Gewinnwarnungen an der Tagesordnung. Stehen wir vor einer Rezession?
Wir sehen, dass derzeit zwei Dinge passieren. Zum einen gibt es einen sich verlangsamenden Markt in China. Und niemand weiß, ob das Problem in China ein strukturelles ist. Zum anderen sehen wir in Europa Rückgänge durch das WLTP-Problem. Aber da wird sich wahrscheinlich nach einigen Quartalen wieder eine Normalisierung einstellen. Unproblematisch ist der US-Markt. Der entwickelt sich ziemlich gut.
Was macht Sie so optimistisch?
Unsere Komponenten für Verbrennungsmotoren sind mindestens noch in den nächsten fünf, sechs Jahren sehr gefragt, weil sie die Antriebe effizienter machen. Es werden immer mehr Turbolader, Abgasrückführ- und Allradsysteme benötigt. Zudem haben wir haben in Noblesville, in der Nähe von Indianapolis, ein hochmodernes Technikcenter eröffnet. Dort sind wir auf batterieelektrische Anwendungen, wie beispielsweise unsere elektrische Achse, fokussiert.
Sie sind seit August Vorstandsvorsitzender. Werfen Sie die Strategie um?
Im Prinzip bleibt es bei unserer bisherigen Strategie. Es gibt für mich keinen Grund, daran etwas zu ändern. Nach 18 Jahren im Unternehmen, davon sieben Jahre in der Geschäftsführung, war ich bereits maßgeblich an der Ausarbeitung unserer Ausrichtung beteiligt. Wir konzentrieren uns auf Antriebssysteme, sowohl auf den Verbrenner als auch auf den Hybrid und auf rein batterieelektrische Fahrzeuge. Für mich gilt es jetzt, diese Strategie umzusetzen. In diesem Jahr werden wir rund 10,5 Milliarden Dollar Umsatz erzielen. 2023 wollen wir 14 Milliarden Dollar erreichen und zwar mit rein organischem Wachstum.
Wie sehen Sie die Zukunft Ihres Turboladergeschäfts?
Das Geschäft mit Turboladern wird uns noch über viele Jahre Zuwächse bescheren, weil die Verbreitung der Technologie bei Hybridfahrzeugen stark zunimmt. Auch beim reinen Verbrenner rechnen wir weiterhin mit Steigerungsraten. Das betrifft sowohl den Benziner wie auch den Diesel. Allein beim reinen Verbrenner erwarten wir einen Anstieg der Fahrzeugausstattung mit Turboladern von 43 Prozent im Jahr 2017 auf 59 Prozent im Jahr 2027 weltweit. In Regionen mit einem hohen Anteil an Verbrennungsmotoren wie Nordamerika verfügen erst rund ein Drittel der Autos über einen Turbolader. Im Vergleich dazu liegt der Anteil in Europa bei 85 Prozent. Da gibt es also noch erhebliches Wachstumspotenzial, an dem wir partizipieren wollen.
Von welchen Produkten erwarten Sie bei Verbrennern und Hybriden ebenfalls Zuwächse?
Beispielsweise von variablen Ventiltrieben, Doppelkupplungsgetrieben, Abgasrückführmodulen, P2-Modulen für Hybrid-Elektrofahrzeuge oder Start-Stopp-Systemen.
Große Zulieferer wie Delphi splitten ihr Geschäft auf. Gibt es auch bei Ihnen solche Überlegungen?
Nein, das wollen wir nicht, weil wir uns auf die Antriebssysteme konzentrieren. Wir müssen uns bei der Batterieelektrik auskennen, beim Verbrennungsmotor, beim Getriebe, bei Allradsystemen und bei der Fahrstabilität oder Fahrdynamik. Da gibt es für uns nichts abzutrennen. Wenn wir ein großer Spieler im Bereich Hybrid sein wollen, müssen wir auch die elektrische und die Verbrennerseite verstehen.
Will BorgWarner neben dem Automobilbereich auch in anderen Branchen aktiv werden?
Bei uns geht es immer um den Antrieb von Rädern. Egal ob beim Pkw, bei leichten und schweren Nutzfahrzeugen oder bei Land- und Baumaschinen. Und wir konzentrieren uns auf Antriebssysteme vom Verbrenner bis hin zum elektrischen Antrieb. Auf all diesen Feldern gibt es für uns genug Wachstumspotenzial.
Wollen Sie weiter zukaufen?
Wir haben die Möglichkeiten dazu, falls wir ein Unternehmen mit der richtigen Technologie finden. Der Zukauf von Remy im Jahr 2015 ist dafür ein gutes Beispiel. Hier ergänzten wir unser Knowhow bei Elektromaschinen erheblich und kombinierten dies in der Folge durch den Zukauf von Sevcon mit Leistungselektronik. Solche Akquisitionen bringen Schlüsseltechnologie ins Haus. Die Größe des Unternehmens ist beim Zukauf nicht das entscheidende Kriterium.
Volkswagen-Chef Herbert Diess hat kürzlich vor Zulieferern gesagt, dass spätestens im Jahr 2026 seine drei größten Lieferanten die Batteriezellenhersteller LG, Samsung und CATL sind und nicht mehr Bosch, ZF und Continental. Machen Ihnen solche Aussagen Angst?
Nein. Das ist natürlich der zunehmenden Bedeutung der Batteriesysteme geschuldet. Das ist logisch und einfache Mathematik.
Welche Perspektiven bietet BorgWarner das autonome Fahren?
Wir verstehen das Thema autonomes Fahren, wir verstehen die Fahrzeugvernetzung, wir wissen, wie Shared Mobility funktioniert, aber wir konzentrieren uns auf Antriebssysteme. Um Fahrzeuge autonom mit Systemen wie Radar oder Lidar fahren zu lassen, benötigt man eine enorme Rechenleistung mit einem großen Energiebedarf. Da kann ein effizienter Antrieb helfen. Unsere Aufgabe ist es für unsere Kunden sehr effiziente Antriebsarchitekturen zu entwickeln. Je effizienter wir die Antriebssysteme gestalten, desto mehr Energie bleibt für Systeme, die fürs autonome Fahren benötigt werden.
Borg Warner produziert auch Elektromotoren. Welche Bedeutung hat dieses Geschäft für Sie?
E-Motoren sind ein Schlüsselelement für Elektroautos. Doch im Vergleich zum gesamten BorgWarner-Geschäft ist das noch ein relativ kleiner Bereich, weil auch die Elektromobilität noch nicht so verbreitet ist. Aber wir sind weltweit einer der wenigen Zulieferer, der Getriebe, E-Motoren und Leistungselektronik aus dem eigenen Hause anbieten kann. Mit diesen drei Kernelementen im Portfolio sind wir sehr gut positioniert, um ein intelligentes integriertes Antriebssystem anbieten zu können. Die Fahrzeugelektrifizierung bietet uns insgesamt großartige Perspektiven.
Welche wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen bereiten Ihnen derzeit die größten Sorgen?
Der Handelskrieg zwischen den USA und China berührt alle Zulieferer und Fahrzeughersteller in der Welt. Aber wir haben natürlich Pläne in den Schublade, um den Einfluss den ein solcher Konflikt auf unser Unternehmen haben könnte, zu minimieren.
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