Wie hätte die Insolvenz noch abgewendet werden können, Frau Moll-Möhrstedt?
Durch die Sicherheit, dass der Hochlauf der Automobilproduktion bald erfolgt und rasch das Vorkrisenniveau erreicht. Mit dieser Gewissheit wäre der Finanzbedarf konkret zu bestimmen gewesen und man hätte mit allen Stakeholdern Vereinbarungen zur Überwindung der Durststrecke treffen können. Aber genau diese Gewissheit ist nicht zu erlangen. Die Unsicherheit durch den globalen Nachfragerückgang ist riesig. Niemand kann heute sagen, wie sich beispielsweise der Coronaverlauf auf die Nachfrage in den USA auswirken wird.
Deswegen habe ich entschieden, dass es besser ist, die Möglichkeiten, die das Insolvenzrecht bietet, aktiv zu nutzen, um Wege und Mittel zur Fortführung zu finden. Moll ist voll handlungs- und lieferfähig. Das wollen wir erhalten und nutzen und nur so kann Moll das in 75 Geschäftsjahren gewachsene Vertrauen seiner Kunden aufrechterhalten.
Wie ist die Reaktion der Kunden?
Jede Krise hat auch ihr Gutes und bei Moll gehören dazu die Reaktionen unserer Kunden. Ich bin wirklich überwältigt von dem Zuspruch, den wir von allen Seiten erhalten. Und alle haben die ganz klare Botschaft: Wir wollen, dass Moll am Markt bleibt. Die beste Art, uns für diesen Zuspruch zu bedanken, ist die Lieferfähigkeit von Moll. Wir tun buchstäblich alles, um den Betrieb aufrechtzuerhalten und auf Dauer fortzuführen. Ich bin begeistert vom Einsatz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Moll. Die stehen zusammen wie eine Familie. Das macht viel Mut.
Wird eine 100-prozentige Staatshaftung für Mittel aus dem KfW-Sonderprogramm benötigt?
Ein klares "Ja"! Sobald die Staatshilfen über die Geschäftsbanken ausgereicht werden, drohen sie ihr Ziel zu verlieren. Die Geschäftsbanken haben einen ganz anderen Zweck, wenn Sie so wollen eine andere DNA. Was bei der regulären Kreditvergabe sinnvoll und notwendig ist, ist bei Staatshilfen kontraproduktiv. Deshalb brauchen wir die 100-prozentige Staatshaftung und zwar bald. Zum Glück wird das ja zurzeit geprüft. Ich würde mir aber auch wünschen, dass die volle Staatshaftung dann für Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern greift. Moll hat knapp 300 Mitarbeiter.
Was müsste aus Ihrer Sicht für die notleidenden Unternehmen getan werden und wo gibt es noch Defizite in der Hilfe?
Ganz kurzfristig, also sofort, werden Finanzierungen benötigt, die helfen, die Verluste auszugleichen. Da ist die Bundesregierung auf dem richtigen Weg, aber es muss noch mehr passieren und schneller gehen. Kredite alleine reichen nicht. Es gibt eben Unternehmen, die so knappe Margen haben, oder die gerade wichtige Neuinvestitionen getätigt haben, dass die Kraft zur Rückzahlung zusätzlicher Kredite fehlt. So ist es bei Moll.
Die Krise in der Branche und die Investitionen in neue Technologien und neue Geschäftsfelder haben die finanziellen Spielräume verengt. Für solche Unternehmen brauchen wir direkte Zuschüsse. Ich kann mir vorstellen, dass man monatlich den Bedarf anmeldet und der dann nach Prüfung bereitgestellt wird. Das wäre für die Zeit der akuten Krise eine Hilfe, die sicher viel retten würde. Aber mit der akuten Phase ist die Krise ja nicht vorbei. Wir stehen am Beginn einer Rezession. Da müssen die Regierungen eine Abwärtsspirale aus sinkender Kaufkraft und Absatzrückgang verhindern. Und ich finde, dass unsere Regierung neben Konjunkturanreizen auch an die ganz praktischen Dinge denken sollte, etwa den baldigen Zugang zu den Zulassungsstellen und den Showrooms der Autohäuser. Das sind auch Signale an die Verbraucher, die die Unsicherheit beseitigen, dringend nötig. Aber all das macht keinen Sinn, wenn nicht rasch für Liquidität gesorgt wird.
Wenn all das geschafft ist, also wenn die Mehrzahl der Unternehmen gerettet und die Rezession bekämpft ist, dann müssen wir uns Gedanken um die grundsätzlichen Fragen machen. Beispielsweise darum, wie es gelingen kann, wieder mehr industrielle Fertigung nach Europa zu holen. Diese Krise trifft ja den Mittelstand besonders hart. Es wäre gut, wenn die Bundesregierung und die EU-Kommission bei ihren Maßnahmen zukünftig stärker darauf achten, dass der Mittelstand mit der Umsetzung noch hinterherkommt.
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