Herr Oertzen, wo finden sich unvollständige, veraltete oder doppelte Datensätze in der Automobilbranche?
Diese finden sich in verschiedenen Quellen und Domains, zum Beispiel in den Produkt-, Kunden-, Standort- und Lieferantendaten. In den Beschreibungen von Produktattributen über Zahlungsadressen und Verpackungsgrößen bis hin zu chemischen Produkten. Weiter hängen auch Verkaufsrechnungen, Bestellungen, Frachtbriefe und gut funktionierende Lieferketten von konsistenten Stammdaten ab, die sich auf eine einzige Version der Wahrheit, also auf eine verlässliche Datenquelle zurückführen lassen. Voraussetzung hierfür ist ein einheitliches Multidomain Stammdatenmanagement. Dies bildet den Gegensatz zu einzelnen voneinander getrennten und unterschiedlich programmierten Datensilos beispielsweise Warenwirtschaftssysteme, Distributions- und Kundendaten. Daten sammeln ist wichtig, aber sie müssen auch richtig verwaltet werden. Es gilt alte Datensilos einzureißen, um unvollständige, veraltete oder doppelte Datensätze abzuschaffen.
Welche Risiken bergen solche Datensätze für die Lieferkette?
Fehlende oder falsche Produktdaten führen zu Umsatzeinbußen, vermehrten Rücksendungen und zusätzlichen Kosten für die Korrektur und Pflege von Daten in mehreren Silos innerhalb der Lieferkette. Insbesondere bei Gefahrengut besteht ein Risiko bei inkonsistentem Informationsaustausch. Meistens werden Produkt- und Lieferantendaten in verschiedenen Systemen und Abteilungen des Unternehmens gespeichert und teilweise sogar händisch in Excel-Tabellen eingetragen, wodurch Datenzwillinge und fehlerhafte Daten entstehen. Ohne eine transparente, für das Unternehmen zugängliche Grundlage wird die Lieferkette durch unvollständige sowie veraltete Datensätze und doppelte Auszüge beeinträchtigt.
Wie können Autohersteller, Zulieferer und Autohäuser von einer transparenten Lieferkette profitieren?
Die Menge an Ersatzteilen ist riesig und nimmt weiter zu. Und pro Jahr kommen rund 180 Pkw-Neuerscheinungen auf den Automarkt. Flexibilität und Transparenz in der Lieferkette und schnellere Markteinführungszeiten bei gleichzeitiger strikter Wahrung von Datenschutz und Kontrolle zahlen sich letztlich durch mehr Effizienz und Profitabilität aus. So können Autohersteller, Zulieferer und Autohäuser den Herausforderungen durch die steigende Menge des zu bewältigenden Datenvolumens bei gleichzeitig wachsenden Kundenanforderungen intelligent begegnen.
Um erfolgreich zu sein, benötigen Unternehmen einen effizient gestalteten Informationsfluss rund um die Entwicklung und Vermarktung. Fehler, die durch Systembrüche oder durch eine doppelte Produktdatenpflege in unterschiedlichen Systemen entstehen können, gilt es zu vermeiden.
In welchem der drei Bereiche sehen Sie den größten Nachholbedarf?
Es ist bereits ein Fehler, Hersteller, Zulieferer und Autohäuser isoliert zu betrachten. Ein gutes Datenmanagement auf Herstellerseite wird dies auch nie tun. Wenn das Stammdatenmanagement dort professionell aufgesetzt ist, sind alle relevanten Daten der Zulieferer und Autohäuser Teil eines funktionierenden Gesamtsystems.
Welche Herausforderungen sehen Sie beim Datenmanagement?
Wenn Unternehmen wachsen oder neue Partner hinzukommen, werden die Systeme selten richtig zusammengeführt. Mit der Zeit vervielfältigen sich die Probleme. Die notwendigen manuellen Datenabgleichs-Prozesse werden unüberschaubar. Dazu kommt eine häufig dezentrale Datennutzung und -freigabe. Dadurch nutzen oder bearbeiten immer mehr Personen Daten im gesamten Unternehmen. Mit der voranschreitenden Ausbreitung von Technologien und Plattformen gibt es immer mehr Quellen, Systeme und Anwendungen, in denen Daten gesammelt, gespeichert und verwendet werden. Durch heterogene Datenquellen, große Datenmengen und eine Vielzahl unstrukturierter Datentypen nimmt generell die Komplexität von Daten zu. Erfolgreiche Unternehmen kennen kein Innen und Außen mehr. Branchen werden zu Ökosystemen, in denen voneinander abhängige Lieferanten, Händler, Kunden, Wettbewerber und Behörden nahtlos zusammenarbeiten, um Daten auszutauschen. Das alles verschärft die Probleme im Datenmanagement.
Worin unterscheiden sich Fahrzeughersteller, Zulieferer und der Autohandel beim Datenmanagement?
Die Anforderungen in den Bereichen B2B und B2C sind unterschiedlich. Das Verhältnis zwischen Hersteller und Zulieferer sowie Autohandel ist grundsätzlich komplexer als das Verhältnis der Autohändler zu ihren Kunden. Das schlägt sich auch in den Anforderungen an das Datenmanagement nieder. Die Hersteller haben hier eine Mammutaufgabe zu bewältigen. Von Planung und Entwurf, Entscheidungen über Fertigungstiefe, Beschaffung der Teile von den Zulieferern, bis zur Montage und Auslieferung der Fahrzeuge muss alles perfekt aufeinander abgestimmt sein. Hinzu kommt die ganze Marketing- und Kommunikationsarbeit, um die Markteinführung und den Verkauf zu begleiten. All das wird erst durch ein gutes Stammdatenmanagement ermöglicht, in dem die unterschiedlichen Datendomänen wie Produkt-, Standort-, Dienstleister- und Zuliefererdaten verlässlich erfasst und bereitgestellt werden.
Fehlt es bei den Unternehmen an Expertise oder wird dem Thema Datenmanagement nicht ausreichend Aufmerksamkeit geschenkt?
Die meisten Unternehmen haben Experten und sind sich auch der Bedeutung von Stammdaten bewusst, doch der Markt wird nach wie vor von einer Fülle unstrukturierter Daten überschwemmt. Zudem stehen Unternehmen vor vielen Hürden auf dem Weg zur Digitalisierung mit Blick auf ihre Daten und diese gilt es zu meistern. Viele Firmen investieren zwar in transformative Technologien, die Reife der Daten kommt aber oft nicht hinterher. Bei der Aufgabe, die Menge und Komplexität der Daten zu bewältigen, kommt es zu Schwierigkeiten. Zudem wird Master Data Management von manchen Unternehmen noch zu sehr als ein IT-Problem und nicht als Business-Prozess angesehen. Master Data Management ist ein gesamtheitlicher Unternehmensprozess und muss gestaltet werden. Entscheidend dafür ist die Kooperation aller an der Lieferkette beteiligten Partner. Ein gutes Multidomain Master Data Management sollte der Ausgangspukt für jedes Unternehmen sein, das seine Datenreife verbessern will.
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