Hannover. Der Grat zwischen Erfolg und Misserfolg, Triumph und Scheitern, Legalität und Illegalität ist manchmal äußerst schmal. In der Wirtschaftswelt müssen dann nicht selten Gerichte ausloten, wo diese Trennlinie verlief. Solche Aufarbeitungen laufen auch, nachdem die kleine Sportwagenschmiede Porsche vor rund fünf Jahren mit ihrem Versuch spektakulär scheiterte, den Riesen VW mit ausgeklügelten Geldgeschäften zu schlucken. Es geht um Milliarden, um moderne Hebel der Kapitalmacht, um die PS-Dynastie Porsche/Piëch hinter dem größten Industriekonzern hierzulande - und es geht um Investorenschicksale.
Ein großer Name in dem juristischen Strudel ist etwa Adolf Merckle. Er verspekulierte sich während des Übernahmeversuchs mit VW-Aktien, und aus seinem Firmenreich stammt nun eine der Klagen. Und da ist etwa ein kleiner selbstständiger Finanzdienstleister aus Bad Homburg, der von der Porsche-Mutter PSE ebenfalls Schadenersatz will. Er verlor mit riskanten Kurswetten 130.000 Euro, als die VW-Aktie im Herbst 2008 von wenigen 100 auf zeitweise mehr als 1000 Euro sprang.
Die juristischen Nachwehen und die Gemengelage vor den Gerichten ist inzwischen fast unüberschaubar: Braunschweig, Stuttgart, Hannover, Frankfurt/Main, New York und London - 5,7 Milliarden Euro fordern Investoren, die sich während der Übernahmeschlacht fehlinformiert sehen. Sie werfen der PSE vor allem vor, den Kapitalmarkt falsch oder verzögert oder gar nicht über wichtigste Schritte in Kenntnis gesetzt zu haben. Neben diesem zivilrechtlichen Großteil des Streits läuft auch noch ein strafrechtlicher Strang gegen frühere Porsche-Manager.
Das Zivilrechtliche hat sich inzwischen fast komplett an Gerichten in Niedersachsen konzentriert. Am Braunschweiger Landgericht sind noch fünf Fälle anhängig, die - zumindest laut Planung - in diesem Jahr zu einer Entscheidung kommen sollen. Ein weiterer dicker Brocken, in dem es um fast zwei Milliarden Euro Schadenersatzforderung geht, liegt in Hannover bei den Kartellrechtsexperten des Landgerichts.
Die Bilanz ist bisher mager für die Kläger: Zwei Mini-Verfahren haben die Braunschweiger Richter endgültig für die PSE entschieden. Diesen März gewann die PSE zudem in Stuttgart einen Fall über 1,4 Milliarden Euro - dort steht nun aber, anders als in Braunschweig, Berufung an.
In der Klagehochburg Braunschweig wagte der Vorsitzende der Kammer, Stefan Puhle, vor kurzem einen Wasserstandsbericht. Sein zentrales Zitat fasst das Streitthema kompakt zusammen: «Letztendlich läuft es ja darauf hinaus: Möglicherweise ist die Porsche-Strategie damals schlitzohrig gewesen. Aber war sie tatsächlich auch sittenwidrig?»
Puhle ließ mehrfach durchblicken, dass seine Kammer den Argumenten der Klägerseite nur sehr bedingt folgen könne. «Wir haben gewisse Schwierigkeiten, dorthin zu kommen», sagte er. Zwar wolle man der Entscheidung noch nicht vorgreifen. «Aber gewisse Tendenzen können wir nicht verbergen.» Das sagte er Mitte Mai. Damals hieß es noch, dass für das Bündel der fünf Fälle am 30. Juli Entscheidungen fallen.
Dass es sich dabei um Urteile handeln dürfte, liegt inzwischen auf der Hand. Rein theoretisch könnte Puhles Kammer demnächst aber auch verkünden, die Beweisaufnahme zu starten und zum Beispiel Zeugen oder Sachverständige zu laden. Nach dem klaren Trend, den Puhle mehrfach andeutete, ist das aber unwahrscheinlich. In einigen der stets gleich gelagerten Fälle verwies er bei der öffentlichen Begründung sogar auf seine vorherigen Ausführungen unter anderem Aktenzeichen. Es schien, als könnte die erste Instanz in Braunschweig das Thema bald abräumen.
Und dann passierte etwas, das dem Prozessmarathon inzwischen eigen ist: Verzögerungen. Der Anwalt und Kapitalmarktrechtler Franz Braun legte sein Mandat in zwei Fällen «aus persönlichen Gründen» nieder. Nun muss sich ein neuer Kollege einarbeiten in die Aktenzeichen 5 O 2077/11 und 5 O 3086/11 mit Schadenersatzforderungen von rund 1,8 Milliarden Euro und 351 Millionen Euro. Neuer Termin: 10. Dezember.
Zuvor gab es viele andere Gründe für Aufschub - alle seitens der Kläger. Einmal sollte der Strafrechtstrang in Stuttgart abgewartet werden, dann gab es eine Krankmeldung und ganz am Anfang drehte sich lange Zeit alles nur darum, welches Gericht überhaupt zuständig sein möge. Richter Puhle hat nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa zwischenzeitlich sogar seine Pensionierung verschoben. Ob er das Fallquintett überhaupt beenden kann, wird sich zeigen. Das Gericht bestätigt lediglich die Dienstverlängerung, nicht deren Zeitspanne.
Ganz ähnlich läuft es beim Milliardenfall am Landgericht Hannover: Der Juni-Termin wurde auf Wunsch der Kläger auf Herbst verschoben. Dabei ist ohnehin klar: Die PSE betonte von Anfang an: Ein Vergleich komme nicht infrage. Es ist daher absehbar, dass die Fälle in höhere Instanzen wandern werden. Die Frage nach dem Grat zwischen Erfolg und Misserfolg, Triumph und Scheitern, Legalität und Illegalität - sie dürfte im Marathon um die Porsche-Prozesse wohl noch Jahre anhalten. (dpa/gem)