Stuttgart. Die VW -Übernahme durch Porsche sollte ihr Meisterstück werden, doch der Plan scheiterte krachend - nun müssen die damaligen Porsche-Vorstände Wendelin Wiedeking und Holger Härter ihre Rolle in der Übernahmeschlacht von 2008 vor Gericht erklären. Der Mammutprozess vor dem Landgericht Stuttgart startete am Donnerstag. Ein Überblick über die wichtigsten Fragen und Antworten.
Porsche-Prozess wirft Blick zurück auf die Übernahmeschlacht
Der relativ kleine Sportwagenbauer Porsche fing 2005 an, sich am Branchenriesen VW zu beteiligen. Schritt um Schritt erhöhte die hochprofitable Firma ihre Anteile. Offizieller Grund: Stärker kooperieren und dadurch Kosten sparen. Knifflig wird die Sache 2008, als Porsche einen 75-Prozent-Anteil ansteuert. Dadurch hätte Porsche massiven Einfluss auf die VW-Führung ausüben und möglicherweise sogar Gewinne abführen können. Wenn eine Firma beschließt, einen so hohen Anteil zu erwerben, muss dies mitgeteilt werden. Porsche tat dies Ende Oktober 2008. Viel zu spät, meint die Staatsanwaltschaft - tatsächlich habe Porsche den Kaufbeschluss verschleiert und dadurch den Markt manipuliert.
Die Übernahmeschlacht zwischen VW und Porsche wird noch einmal lebendig. Die kleine Sportwagenschmiede wollte den Autokonzern Volkswagen schlucken, die dafür notwendige Finanzkraft wurde großteils über Kredite und Optionsgeschäfte geschultert. Doch der Sportwagenbauer verhob sich, VW drehte den Spieß um und machte Porsche zur Tochter. Die beiden Angeklagten, der damalige Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und sein Finanzvorstand Holger Härter, saßen bei diesem tollkühnen Übernahmemanöver am Steuer - beim Umsatz war VW damals etwa 15 Mal größer als Porsche.
Spielten die Porsche-Chefs beim damaligen Übernahmepoker mit gezinkten Karten? Ja, sagen die Staatsanwälte. Wiedeking und Härter schütteln hingegen heftig mit ihren Köpfen und weisen solche Vorwürfe entschieden zurück. Diese Frage müssen die Richter klären.
Seit Jahren grübeln Richter und Staatsanwälte nun schon über den Fall. Ursprünglich warfen die Staatsanwälte den damaligen Porsche-Vorständen Untreue vor, weil sie Vermögen der Firmeneigentümer aufs Spiel gesetzt hätten. Der Vorwurf wurde fallengelassen, inzwischen geht es um den schwächeren Verdacht der informationsgestützten Marktmanipulation. Zunächst wollte das Landgericht Stuttgart den Fall nicht zulassen, das übergeordnete Oberlandesgericht erzwang aber die Verfahrenseröffnung.
Die Sache zog sich hin. Noch in diesem Sommer wurden zwei Anklagestränge zusammengeführt. "Sieben Jahre vom Tatvorwurf bis zur Hauptverhandlung sind in einem rechtlich komplexen Wirtschaftsstrafverfahren dieses Zuschnitts nicht absolut außergewöhnlich", sagt der Frankfurter Juraprofessor Matthias Jahn.
Wenn man die selbstbewusste Haltung der beiden Angeklagten am ersten Prozesstag ernstnimmt, kann es nur eins geben: Freispruch. Die Staatsanwaltschaft sieht das natürlich anders - sie dringt auf einen Schuldspruch. Bei Marktmanipulation kann eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder eine Geldstrafe verhängt werden. Soviel zur Theorie. Tatsächlich jedoch dürften weder Wiedeking noch Härter hinter Gittern kommen - dafür sind die Vorwürfe wohl nicht schwer genug. Ob es überhaupt zu einer Verurteilung kommt, ist fraglich - Experten wie Jurist Jahn sehen "belastbare Indizien, dass die Staatsanwaltschaft sich mit ihrer Anklage sehr schwertun wird".
Eins dieser Indizien sei die Einstellung von Ermittlungen gegen den damaligen Porsche-Aufsichtsrat, sagt Jahn. Das Kontrollgremium sei zwar nicht operativ verantwortlich, habe sich aber letztlich doch an die gleichen Regeln halten müssen wie der Vorstand. Ein weiteres Indiz: Das Stuttgarter Landgericht wollte die Anklage zuerst gar nicht zulassen. Erst auf Intervention des Oberlandesgerichts kam es doch noch zur Prozesseröffnung.
Klar ist: Es geht nicht bloß um zwei Manager und möglicherweise ein paar 100.000 Euro Strafe. Es geht um die Frage, inwiefern der damalige Porsche-Übernahmeplan schon im Kern morsch war. Sollten Wiedeking und Härter verurteilt werden, hätte das eine Signalwirkung für Zivilprozesse in Niedersachsen, wo Hedgefonds Schadenersatz verlangen für milliardenschwere Verluste. Denn die Börsenspekulanten mussten wegen der Berg- und Talfahrt von Porsche-Aktien während der Übernahmeschlacht herbe Schlappen hinnehmen.
Hätten Wiedeking und Härter die Börse pflichtgemäß informiert und eben nicht mit gezinkten Karten gespielt, wären diese Verluste nicht entstanden, behaupten die Zivilkläger. Insgesamt mehr als fünf Milliarden Euro fordern sie ein. Formal gesehen ist das Stuttgarter Strafverfahren zwar ein anderes Paar Schuhe. Dennoch dürfte der Ausgang des nun beginnenden Verfahrens von den Beteiligten der anderen Prozesse mit höchstem Interesse zur Kenntnis genommen werden.
Das Gericht plant mit zahlreichen weiteren Verhandlungstagen bis Anfang 2016. Wie viele Tage es genau sind, ist letztlich nicht sicher. Denn neben polizeilichen Sachverständigen und Wissenschaftlern sollen die damaligen Porsche-Aufsichtsräte ebenfalls kommen. Die dürften aber wohl von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machen und nicht kommen. Dem Vernehmen nach lehnt der frühere VW-Patriarch und Wiedeking-Gegenspieler Ferdinand Piëch einen Auftritt vor Gericht ab. (dpa/swi)