Braunschweig/Stuttgart/Wolfsburg. Milliarden-Klagen gegen Weltkonzerne sind nicht gerade das tägliche Geschäft der 5. Zivilkammer am Landgericht Braunschweig. Was der Vorsitzende Richter Stefan Puhle am Mittwoch zur ersten Verhandlung auf den Tisch bekommt, birgt weit über die Grenzen Niedersachsens hinaus erhebliche Sprengkraft: Dutzende Investoren werfen der Porsche-Dachgesellschaft Marktmanipulation vor. Als sie 2008 versuchte, den viel größeren Autobauer VW zu übernehmen, soll sie ihre wahren Absichten verschwiegen haben. Inzwischen gibt VW bei Porsche den Ton an - doch der Rechtsstreit schleppt sich dahin.
«Das ist ein Auswärtsspiel», sagt der scharfzüngige, in manchen Momenten auch etwas genervt wirkende Puhle. Selten hat er so viel Publikum, verhandelt meist in kleineren Sälen: «Wir kommen ja eher vom Bausparvertrag.» Heute muss der Jurist aber ein besonders heißes Eisen anpacken - die Porsche- und VW-Vertreter sind gespannt.
Bevor er in die Tiefe geht, liest Puhle den Sachstandsbericht vor und gibt Klägern und Beklagten die Chance zu Korrekturen. Es wird um Formulierungen und Inhalte gefeilscht. Haben 2008 nur einige, viele oder gar fast alle Analysten die Lage bei Porsche so gesehen, wie das Unternehmen sie offiziell nach außen darstellte? Gab es zwischen der Porsche-Holding SE (PSE) und der ebenfalls beklagten Maple-Bank aus Frankfurt nur eine normale oder eine «strategische» Zusammenarbeit bei Optionsgeschäften, mit denen die PSE nach der Macht bei VW griff?
Ein lockerer Tonfall im Saal täuscht darüber hinweg, dass für alle Beteiligten sehr viel auf dem Spiel steht. Denn die Verhandlung der ersten zwei von insgesamt fünf Investorenklagen - der Volkswirt Ariel Cukierman und die Schweizer Anlagegesellschaft MyCapital verlangen insgesamt rund 4,7 Millionen Euro - ist nur der Auftakt zur Beratung über weitere Forderungen über mehr als 4,1 Milliarden Euro. Diese wurden am Mittwoch aber noch nicht in der Sache besprochen.