Berlin. Das Auto wird sich gewaltig verändern. Selbstfahrende Fahrzeuge könnten auf lange Sicht ohne Lenkräder und Pedale auskommen, wie es Google schon jetzt bei seinen kugeligen Prototypen verspricht. Ein Umstieg auf Elektro-Mobilität wird ganze Teil-Industrien etwa in der Produktion von Benzinmotoren oder Getrieben schröpfen. Und je tiefer die Elektronik ins Auto vordringt, desto mehr Gewicht bekommen die IT-Schwergewichte aus dem Silicon Valley, allen voran Google und Apple.
Die Verbraucher werden das merken, wenn sie sich in den nächsten Monaten nach einem neuen Auto umsehen. Die Plattformen von Apple und Google zur besseren Integration von iPhones und Android-Smartphones im Auto kommen ein Jahr nach der Präsentation auf breiter Front in die Fahrzeuge. Die meisten Hersteller wollen dabei sowohl Apples Carplay als auch Android Auto unterstützen. So stellte die Opel-Mutter General Motors die Einbindung der Dienste in 14 Chevrolet-Modellen in Aussicht. Auch VW steht in den Startlöchern - vom Polo bis zum Passat.
Die hauseigenen Systeme auf den Displays der Infotainment-Anlagen verschwinden aber nicht. So wird man im neuen Q7 von Audi die neben den Welten von Apple und Google auch die Karten des Autobauers nutzen können. Man rechne damit, dass die Fahrer eher von der Audi-Lösung navigieren lasse, weil die auch offline im Tunnel funktioniere oder im Ausland - ohne hohe Roaminggebühren, sagt ein Mitarbeiter am Rande der Entwicklerkonferenz Google I/O. Das kolportierte Gebot von Daimler, Audi und BMW für die Kartensparte von Nokia erscheint da umso plausibler.
"In der Industrie wird viel diskutiert über das Verhältnis zu Google und Apple", sagt ein gut vernetzter Unternehmensberater, der die Hersteller bei der Entwicklung eigener Systeme unterstützt. "Die Autobauer haben Angst, Daten an Google und Apple zu verlieren." Es gehe um Kontrolle: "Carplay und Android Auto sind so designt, dass das Auto zum Zubehör des Smartphones wird." Zudem vermissten die Konzerne Spielraum für Differenzierung: "Zu ihrem Geschäftskonzept gehört, dass die Bedienung in einem Maserati hochwertiger aussieht als in einem Fiat."
Der italienische Autobauer versucht bei seinem neuen Fiat 500X noch einmal, mit Infotainment aus eigener Entwicklung dagegenzuhalten. Das System im Cockpit nutzt zwar das Smartphone zur Internet-Verbindung - die gesamte Bedienoberfläche wurde aber bei Fiat unter anderem mit Hilfe des US-Konzerns Harman entwickelt. Zugleich ließ Fiat-Chef Sergio Marchionne jüngst eine kleine Schockwelle durch die Branche gehen, als er bemerkte, er sei bei seiner Suche nach einem Fusionspartner auch offen für Allianzen mit Apple und Google.