Turin/Rüsselsheim. Der Einstieg bei Chrysler hat Fiats Appetit auf den angeschlagenen Autobauer Opel noch vergrößert. "Nun müssen wir uns auf Opel konzentrieren. Sie sind unser perfekter Partner", sagte Fiat-Chef Sergio Marchionne am Freitag der italienischen Zeitung "La Stampa". Der Konzernchef äußerte sich nach Abschluss einer Vereinbarung, die das Zusammengehen mit Chrysler vorsieht. Fiat übernimmt zunächst 20 Prozent am US-Autobauer, der in einem Insolvenzverfahren weitgehend von Altlasten befreit werden soll. Einem Bericht der "Automotive News Europe" zufolge soll aus Fiat, Chrysler und Teilen der Opel-Mutter General Motors (GM) der weltweit zweitgrößte Autokonzern nach Toyota entstehen.
Die "Süddeutsche Zeitung" (Samstagsausgabe) berichtet, Fiat-Chef Marchionne wolle am Montag mit Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und Außenminister Frank-Walter Steinmeier in Berlin über einen Einstieg bei Fiat verhandeln. Marchionne werde der Bundesregierung ein erstes, grobes Konzept präsentieren. Er wolle alle deutschen Standorte von Opel erhalten, also die Werke in Rüsselsheim, Eisenach, Kaiserslautern und Bochum, allerdings nicht alle Werke in der bisherigen Größe, erfuhr die "Süddeutsche Zeitung" aus Unternehmenskreisen.
Für den Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer kommt die klare Ansage aus Turin nicht überraschend. "Fiat wird jetzt aggressiv die Opel- Linie verfolgen, um an die 3,3 Milliarden Euro Staatsgeld heranzukommen und den Chrysler-Deal abzufedern", sagte Dudenhöffer der Deutschen Presse-Agentur dpa. Die Bundesregierung müsse sorgfältig prüfen, ob Fiat nicht übertriebene Zusagen mache, um den Zuschlag für Opel zu bekommen. Dudenhöffer sieht im Autozulieferer Magna den deutlich besseren Partner für Opel.
Magna-Chef Frank Stronach hatte zuvor erstmals öffentlich das Interesse seines Unternehmens an Opel erläutert. Er wolle "helfen", weil dies auch im Interesse seines Konzerns sei, sagte der 76-jährige Milliardär der in Graz erscheinenden "Kleinen Zeitung" (Online- Ausgabe/Mittwochabend). "Wir beliefern Opel und es muss in unserem Interesse sein, dass es Opel gut geht." Magna sei finanziell gut aufgestellt. "Magna ist eine sehr gesunde Firma, wir haben ungefähr 1,5 Milliarden Dollar Bar-Reserven auf der Bank, da können wir ruhig in ein Geschäft hineingehen, ohne uns selbst zu gefährden", sagte Stronach, dessen Konzern in Deutschland allein mehr als 30 Werke hat.
Opel will sich von seinem existenzbedrohten Mutterkonzern General Motors (GM) weitgehend lösen und sucht Investoren. Dabei ist der kanadisch-österreichische Zulieferer Magna neben Fiat ein chancenreicher Interessent. Die Bundesregierung fordert für mögliche Hilfen oder Bürgschaften allerdings von künftigen Investoren Garantien für Werke und Arbeitsplätze. Wirtschaftsminister Karl- Theodor zu Guttenberg (CSU) hatte berichtet, dass Magna ein "erstes interessantes Grobkonzept" für einen Einstieg bei Opel vorgelegt hat. In einem Zeitungsbericht hieß es, dass Magna mit russischen Partnern rund fünf Milliarden Euro zur Rettung von Opel aufbringen will.
Magna-Chef Stronach bestätigte die mögliche Beteiligung von russischen Unternehmen. "Russland könnte dabei auch eine Rolle spielen, dadurch könnte sich Opel dort den Markt sichern. Mit unserem Wissen und unseren Fähigkeiten könnten wir da Koordinatoren sein, das würde auch Österreich zugute kommen", sagte er.
Der Frankfurter IG Metall-Bezirksleiter Armin Schild sprach sich unterdessen für einen vorläufigen Einstieg des Bundes und einiger Länder in eine neue Opel Europa AG aus. Dadurch könnte die Suche nach einem neuen Anteilseigner wesentlich ruhiger und effizienter organisiert werden, sagte das Mitglied des Opel-Aufsichtsrats der dpa in Frankfurt. In einem geordneten Bieterverfahren könne zudem ein höherer Preis für die Opel-Beteiligung erzielt werden. Für den Staat werde sich der vorübergehende Einstieg so zu einem gewinnbringenden Geschäft entwickeln.
Derweil legt Opel mitten in der Autokrise erneut Sonderschichten für sein neues Spitzenmodell "Insignia" ein. Im Stammwerk Rüsselsheim seien für den Mai wegen der hohen Nachfrage drei Sonderschichten geplant, teilte die GM-Tochter am Freitag mit. Nach Werksangaben liegen europaweit bereits mehr als 100.000 Bestellungen für den Mittelklassewagen vor, der damit an der Spitze des Segments liege. In Deutschland konnte Opel demnach im Segment der Mittelklasse- Limousinen besonders stark zulegen und steigerte die Verkäufe im ersten Quartal um 82 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 2008 war noch der Vorgänger Vectra am Start. (dpa/fin)