Untergruppenbach. «Vor 36 Monaten habe ich mir ziemlich Sorgen gemacht», sagt Getrag-Chef Mihir Kotecha. 2011 standen die Zeichen bei dem Getriebe-Hersteller ausUntergruppenbach bei Heilbronn nach der Krise wieder auf Expansion. Getrag brauchte Mitarbeiter. Um gut 1500 Beschäftigte ist die Belegschaft seitdem angewachsen. In den kommenden fünf Jahren sollen es noch einmal 5000 mehr werden.
Untergruppenbach liegt im Norden Baden-Württembergs - circa 40 Autominuten entfernt von Daimlers Hauptwerk in Sindelfingen bei Stuttgart - 20 MinutenFahrt zum Audi-Werk in Neckarsulm im Norden Heilbronns. Namen wie Daimler, Porsche oder Bosch prägen die Region. «Der Arbeitsmarkt im Umfeld Automobil ist natürlich in dieser Region hart umkämpft», heißt es bei Getrag.
Mitarbeiter am Standort werden oft via Mundpropaganda geworden, sagt Getrag-Vetriebschef Bernd Eckl. Das Unternehmen kennt man südlich von Heilbronn.Was es tatsächlich macht, ist gar nicht so wichtig. «Viele, die bei uns anfangen, kennen uns nicht sehr gut.» Getrag organisiert Vorlesungen an Hochschulen in der Umgebung, um auf sich aufmerksam zu machen.
Allgaier umwirbt seine Mitarbeiter noch früher. Schon im Kindergarten macht sich die Firma bekannt, außerdem lobt das Unternehmen einen Schulpreis für technische Projekte aus. Auf diese Weise sollen potenzielle Auszubildende dieFirma so früh wie möglich kennenlernen.
Daneben bemühen sich die Firmen vor allem, ihre sozialen Stärken hervorzukehren. FamilienfreundlicheArbeitszeiten und Kinderbetreuung sind fast schon selbstverständlich. «Soziales Engagement, überdurchschnittliche Sozialleistungen, Weiterentwicklungsmöglichkeiten», zählt eine Sprecherin des Filter-Experten Mann + Hummel nicht ohne Selbstbewusstsein auf.
«Die Firmen denken sich Karrieremöglichkeiten aus, die angesichts schlanker Strukturen einfacher umzusetzen sind», sagtNelson Taapken von der Unternehmensberatung Ernst &Young. «Wir geben unseren Leuten oft umfangreiche Verantwortung», bestätigt ElringKlinger-Chef Stefan Wolf. Auch Hochschulabsolventen werde bei dem Spezialisten für Antriebstechnik inDettingen/Erms Projektverantwortung übertragen.
Vor allem Auszubildende kommen allerdings meistens aus der Region. «Viele sind auf der SchwäbischenAlb verwurzelt», sagtWolf. Bei der Rekrutierung neuer Mitarbeiter konzentriere man sich auf einen Umkreis von 50 bis 60 Kilometern, sagt eine Sprecherin des Blechform-Spezialisten Allgaier in Uhingen. «Ich weiß nicht, ob jemand von Hamburg nach Uhingen umziehen würde.»
Doch genau das ist das Problem, sagt Ernst&Young-Berater Taapken. Denn insbesondere Fachkräfte aus dem Ausland können mit Ortsnamen wie Uhingen,Dettinen/Erms oder Untergruppenbach weniger anfangen als mit Stuttgart oder München. Insbesondere die hohe Jugendarbeitslosigkeit in der EU werde zu wenig genutzt, sagt Taapken.
ElringKlinger versuche beispielsweise junge Spanier zu werben, sagtFirmenchef Wolf. Es hapere aber an der Integration außerhalb des Betriebs. «In Deutschland fehlt nach wie vor eine Willkommenskultur.»
Werben die Firmen im Ausland, dann vor allem an den eigenen Standorten. Allgaier hat in Puebla in Mexiko eine Bildungsinitiative gestartet und die deutsche duale Ausbildung dort etabliert. AuchElringKlinger bildet junge Leute im Ausland nach IHK-Standard aus. Getrag ist laut Vertriebschef Eckl in der chinesischen Stadt Nanchang größter Arbeitgeber. InShanghai, räumt Eckl ein, sei es schon schwieriger. «Dort gibt es weniger Menschen, die uns kennen.»
Nach Einschätzung von Taapken könnte das zum Problem werden:«Wenn es den Firmen nicht gelingt, mehr Fachkräfte zu werben, wird das Thema Demografie ein Wachstumshemmnis.» Noch sind die Zulieferer zuversichtlich, dass es am Ende genügend Bewerber für sie gibt: «Der vielzitierte Fachkräftemangel stellt für uns kein signifikantes Problem dar», heißt es bei Mann+Hummel. Auch Getrag-Chef Kotecha hat seine Sorgen begraben. Trotz des enormen Wettbewerbs laufe es inzwischen «extrem gut». Einen Vorteil werden Daimler und Bosch aber behalten:«Wer für einen großen Namen arbeiten möchte, wird das auch tun», sagt die Allgaier-Sprecherin. (dpa/gem)